Mehr Personal ist nicht drin

Pulsmesser

Pulsmesser

Verschobene Operationen, zuwenig Zeit für Pflegebedürftige: Patienten beklagen Versorgungsmängel am Klinikum Darmstadt. Hier ein Interview, das ich mit Michael Wild, Direktor der Chirurgischen Klinik II des Darmstädter Klinikums, geführt habe. Sein Fazit ist niederschmetternd: Das Problem wird sich in Zukunft noch verschärfen. Mehr Personal einzustellen, um den Engpass zu verschärfen, ist nicht drin.

Herr Dr. Wild, stellen Sie sich vor, Sie sind für eine Operation fest eingeplant – und bekommen erst Stunden später, auf nüchternen Magen mitgeteilt, dass es an diesem Tag nun doch nicht klappt. Wären Sie da nicht auch wütend?

Michael Wild: Natürlich. Ich verstehe den Unmut der Patienten. Da ist man aufgeregt, sitzt im Zimmer, wartet. Leider zeigt sich bei uns immer erst am Ende eines OP-Tages, ob wir einen Eingriff doch noch schaffen oder nicht. Manche Operationen dauern länger als geplant, manche sind kürzer. Das kann man nicht einplanen – schließlich geht Qualität vor.

Wie viele Operationen stehen im Schnitt pro Tag planmäßig an?

Wild: Das sind so zehn bis zwölf. Es sind die Notfälle, die unsere Planungen durcheinanderbringen. Unfallopfer oder auch Kinder müssen akut versorgt werden, die können und dürfen wir nicht warten lassen. Das muss man ja auch sehen: Wir haben als überregionales Traumazentrum eine hohe Expertise, die Nachfrage ist groß und unsere Türen stellen allen Patienten offen, auch nachts, am Wochenende und an den Feiertagen.

Was tun Sie, um die Probleme zu beheben?

Wild: Die Geschäftsführung weiß, dass wir einen Kapazitätsengpass im OP haben. Ende 2014, Anfang 2015 sollen wir deshalb einen Ambulanz-OP im neuen Fachärztezentrum bekommen. Das würde die Lage etwas entspannen. Früher hatten wir die Möglichkeit, Puffer in den Terminplan einzubauen, das kann sich heute kein Krankenhaus mehr leisten. Wir setzen aber auch auf Aufklärung: Patienten, bei denen eine geplante OP ansteht, etwa eine Implantat-Entfernung, bekommen seit diesem Jahr ein Merkblatt an die Hand, auf dem wir bereits im Vorfeld um Verständnis bitten und die Gründe für unvorhergesehene OP-Verschiebungen erklären.

Bleibt denn für persönliche Erklärungen im Klinikalltag keine Zeit?

Wild: Ziel ist schon, dass wir Patienten frühzeitig informieren. Das hängt natürlich auch von den Mitarbeitern ab und erfordert eine gewisse Sensibilität. Es ist für einen Patienten wenig tröstlich, wenn er hört, dass der Zimmernachbar kränker ist und er deshalb schneller in den OP muss. Rational ist das klar, emotional ist das aber nur schwer zu vermitteln.

Haben Sie ausreichend Personal?

Wild: An qualifizierten und engagierten Ärzten mangelt es uns nicht. Beim Pflegepersonal sieht das anders aus. Es ist schwer, Nachwuchskräfte zu bekommen. Das liegt auch daran, dass der Pflegeberuf nicht sehr attraktiv ist: Kein Entwicklungspotenzial, schlechte Bezahlung, familienfeindliche Arbeitszeiten. Glücklicherweise habe ich auf meiner Station ein sehr engagiertes Team – aber auch da gibt es krankheitsbedingte Ausfälle und dann wird es eng. Pflege ist ein harter Job.

Das heißt, mehr Personal einstellen, um die Patienten besser versorgen zu können, ist nicht drin?

Wild: Die Tendenz beim Personal ist im Kliniksektor fallend. Der wirtschaftliche Druck verschärft die Situation. Krankenhäuser – und das ist kein lokales, sondern ein bundesweites Problem – sollen nicht teurer, sondern immer preiswerter werden. Doch Mitarbeiter gibt es nicht umsonst. Das Problem wird sich in Zukunft sogar noch verschärfen: Früher war etwa ein Drittel unserer Patienten älter als 70 Jahre, heute haben wir zu 75 Prozent geriatrische Patienten, die multimorbide sind und sehr viel mehr Pflege brauchen.

Dieser Beitrag wurde unter Gesundheitspolitik, Kliniken, Pflege abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf Mehr Personal ist nicht drin

  1. martina sagt:

    Ich finde die Einsparungen an Personal in Krankenhäusern unverantwortlich und begründe das auch. Es ist in vielen Kliniken so, wie in Darmstadt beschrieben. Ich
    lag vor 6 Jahren im Krankenhaus und es mussten Ausstülpungen am Herzen verödet werden. Der operierende Arzt war am Vortag noch 22 Uhr in der Klinik und stand am morgen 7 Uhr am OP-Tisch. Bei meinem Eingriff ging was schief und er traf ein Blutgefäß. Ich lag anschließend auf der ITS. Mit mehr Personal könnten solche Fälle sicher vermieden werden.

  2. Linda sagt:

    interessanter beitrag =)

  3. Dalina sagt:

    Das mit der Einsparung ist doch aber nicht nur im Krankenhaus so. Wir haben hier viel zu wenig Fachärzte. Brauch man einen Termin beim Ortophäden, dann ist entweder die Wartezeit sehr lang oder man erwischt einen, der sich keine Zeit für seine Patienten nimmt. Angehörige brauchen einen Termin um im Krankenhaus mit der behandelnden Ärztin zu sprechen und ist man an Ort und Stelle, dann hat sie eine Not-OP. So ist es mir schon oft ergangen. Im Fernsehen wird das immer so schön gezeigt-das ist aber weit ab, von der Realität.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>