Mauscheleien auf Kosten der Patienten?

Herzschlag: Tatort Gesundheitswesen

Herzschlag: Tatort Gesundheitswesen

In letzter Zeit gibt es Beschwerden von ECHO-Lesern, die darüber klagen, von ihren Ärzten zu ganz speziellen Sanitätshäusern geschickt zu werden. Eine Frau – sie möchte anonym bleiben – erzählt, dass ihr Arzt sie mit dem Hinweis “Wenn es schnell gehen soll, gehen Sie doch bei dem Geschäft um die Ecke vorbei.” Sie ist empört, dass sie ungefragt eine Empfehlung bekam. “Das war eine Bagatelle, ich brauchte gar nichts besonderes”, erzählt sie und legt nach: “Ich habe den Eindruck, dass sich das breitmacht.” Eine andere Leserin – die ebenfalls nicht namentlich genannt werden will – vermutet, dass es Sanitätshäuser gibt, die Ärzten Geld bezahlen, wenn sie ihnen Patienten vermitteln.

“So lange es keinen Straftatbestand gibt, werden die Ermittlungsbehörden nicht tätig”, sagt Alexander Stolskij von “Orthopädie Transparent” in München. In der Initiative haben sich Handwerksbetriebe für Orthopädietechnik mit Ärzten und anderen Leistungserbringern zusammengeschlossen, um sich gemeinsam gegen illegale Wettbewerbspraktiken in der Hilfsmittelversorgung zu stellen. Angesprochen auf die Absprachen, die es in Darmstadt geben soll, sagt Stolskij, solche Zahlungen seien Alltag. Problematisch sei, dass der Wettlauf um die höchsten finanziellen Anreize für Zuweisungen für die Unternehmer – in der Regel mittelständige Betriebe – schnell zu einer existenziellen Bedrohung werden könne.

Die Landesärztekammer äußert sich nicht zu den konkreten Fällen, verweist jedoch auf die berufsrechtlichen Bestimmungen. Danach ist es Ärzten nach Paragraf 31 der Berufsordnung nicht erlaubt, einem anderen Arzt Patienten gegen Entgelt zuzuweisen. Zudem sei es Ärzten nach Paragraf 34 Absatz 5 nicht gestattet, Patienten ohne hinreichenden Grund an bestimmte Apotheken, Geschäfte oder Anbieter von gesundheitlichen Leistungen – dazu gehören auch Sanitätshäuser – zu verweisen.

“Ja, wir hören das auch”, sagt Stephan Gill von der AOK Hessen. “Wir können jedoch nur dann der Sache nachgehen, wenn ein konkreter Verdacht vorliegt.” Die AOK könnte dann zum Beispiel statistisch auswerten, ob es auffällig viele Versicherte gibt, die von einem Arzt an ein bestimmtes Sanitätshaus verwiesen wurden. Die Krankenkasse hat in den vergangenen beiden Jahren mehr als 1,6 Millionen Euro von Leistungserbringern und Versicherten zurückgefordert, weil sie sich auf Kosten anderer bereichert haben. Die Task Force der AOK ist insgesamt 458 Hinweisen nachgegangen, nur in knapp 170 Fällen gab es keinen hinreichenden Tatverdacht.

Nach wie vor, so heißt es bei der AOK, sei Fehlverhalten im Gesundheitswesen ein Ausnahmephänomen. Trotzdem komme Betrug tagtäglich vor – wie in jeder anderen Branche auch. Ohne die Hinweise von Dritten würde mancher Straftatbestand gar nicht erkannt werden.

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