Raus aus dem Kälte-Schock

 

Rainer Kollmar, Foto: Klinikum Darmstadt

Rainer Kollmar, Foto: Klinikum Darmstadt

Das Schicksal von Ex-Rennfahrer Michael Schumacher bewegt viele Menschen. Vor kurzem wurde bekannt, dass seine Ärzte ihn einen Monat nach seinem Skiunfall aus dem  künstlichen Koma holen wollen. Das kann Tage dauern. Wie das ausgeht? Bei Schädel-Hirn-Trauma-Patienten  fällt es  schwer, Prognosen zu stellen, sagt Rainer Kollmar, Leiter der Klinik für Neurologie und Neurogeriatrie am Klinikum Darmstadt.

Auslöser eines Schädel-Hirn-Traumas ist eine Gewalteinwirkung auf den Kopf,  etwa ein Schlag, Sturz oder Aufprall. Oft ist ein Verkehrsunfall die Ursache. Von den etwa 270 000  Menschen, die  pro Jahr  in Deutschland ein Schädel-Hirn-Trauma erleiden, kommen die meisten mit einer Gehirnerschütterung davon.
„Eigentlich ist unser Gehirn ja sehr gut vom knochigen Schädel geschützt“, sagt Rainer Kollmar, Chef der Neurologie am Klinikum Darmstadt. Das Gehirn  ist  von   einer  Flüssigkeit umgeben, die leichte Schläge  abfedert.  Ein starker Aufprall kann  dazu führen, dass es in der Flüssigkeit hin und her zu schwingen beginnt und  gegen den Schädel  stößt. Im Schnitt kommt es bei etwa  zehn Prozent  aller   Schädel-Hirn-Trauma-Patienten   zu  Komplikationen wie  Brüchen, Blutungen oder Schwellungen.

Michael Schumacher  hatte das Pech, dass es nach seinem Ski-Unfall zu Hirnblutungen gekommen ist. Da sich das Gehirn  nicht ausdehnen kann, drückt das Blut  auf das Gewebe, das dadurch nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Bestimmte  Hirnregionen sind damit in ihren Funktionen eingeschränkt, erklärt der Chefarzt.  So könne  das Blut   direkt auf das Atemzentrum drücken – die Patienten müssen dann künstlich beatmet werden.
Die Auswirkungen eines Traumas auf den Zustand der Patienten sind  ganz unterschiedlich in ihrer Ausprägung. „Mit Prognosen tun wir uns  bei diesen Patienten schwer“, sagt Kollmar.    Die Behandlung erfolge immer in enger Absprache mit den Angehörigen. Die Bandbreite der möglichen Folgen ist groß. Von den Patienten mit einem schwerem Schädel-Hirn-Trauma erholen sich sieben bis 27 Prozent gut,  30 bis 40 Prozent sterben, zwei bis 14 Prozent bleiben im Koma, 10 bis 30 Prozent sind für den Rest ihres Lebens  behindert.
Wichtig ist, dass Trauma-Patienten  möglichst schnell von Experten behandelt werden – zu Blutungen kann es allerdings auch noch bis zu 48 Stunden nach einem Unfall kommen. Anzeichen für ein Trauma sind starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Nackenschmerzen, Schwindel, Blutdruckschwankungen, Lähmungen, Bewusstlosigkeit.   Treten ein oder mehrere Symptome auf, muss abgeklärt werden, ob eine  schwere Hirnschädigung  vorliegt. „Bei uns schauen sich ein Neurologe und ein Unfallchirurg die Patienten  an“, so Kollmar.   Die Ärzte nutzen  unter anderem  bildgebende Verfahren wie die Computertomografie, per Ultraschall  werden die Hirngefäße überwacht, permanent werden Hirndruck und  Sauerstoff-Sättigung gemessen. Bei manchen Patienten  müssen die  Ärzte operativ einen  Teil des Schädels öffnen,   um den  Hirndruck zu senken.
Je nach Schwere der Verletzungen werden die Patienten mit Hilfe von Medikamenten in ein künstliches Koma versetzt. Michael Schumacher wurde  zudem einer Kühltherapie  unterzogen, wie sie auch am   Klinikum möglich ist.  Der Vorteil der  Hypothermie: Sie  senkt die Stoffwechselvorgänge im Körper um bis zu 50 Prozent – und damit können  auch krankmachende  Vorgänge im Körper verlangsamt werden. „Wir können die Körpertemperatur von 37 auf um die 34 Grad Celsius absenken“, erklärt Kollmar.   Dies geschehe durch die Infusion einer vier-Grad-kalten Kochsalzlösung, mit  speziellen Kältekissen und einem  Kühlkatheter, mit dessen Hilfe die Temperatur  exakt gesteuert werden kann.

Doch die  Kühlung ist nicht ohne Risiken:  Die Prognose für die Hirnleistung verschlechtert sich, je länger ein künstliches Koma aufrechterhalten wird, da andere Organe geschädigt werden können.   Es kann aber auch alles gut gehen. Kollmar   verweist auf eine Patientin, die er noch aus seiner Zeit an einer Erlanger Klinik  kennt. Sie hatte  21 Tage im Koma gelegen: „Seit einem halben Jahr ist sie wieder voll im  Berufsleben“, freut sich der Arzt.
Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass auch bei Michael Schumacher, der im Uniklinikum im französischen  Grenoble liegt,   die Aufwachphase eingeleitet wurde. Sie kann Tage dauern. „Die Wiederaufwärmungsphase ist gefährlich“, erläutert  Kollmar. Nur ganz langsam, etwa alle  zwei Stunden, werde der Körper der Patienten um 0,1 Grad Celsius erhöht.
Ein Lichtblick: Die Prognosen haben sich in den vergangenen Jahren   für Schädel-Hirntrauma-Patienten erheblich verbessert. Kollmar führt dies  unter anderem auf die zunehmende Qualität der Versorgung direkt nach  Unfällen  zurück und auf Fortschritte  in der Intensivmedizin.

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