“Dr. House” ist oft die letzte Hoffnung

Ende November ist das „Zentrum für unerkannte Krankheiten“ an der Marburger Uniklinik gegründet worden. „Die Resonanz ist erdrückend“, sagt Zentrumsleiter  Jürgen Schäfer. Viele der Hilfesuchenden seien verzweifelt. „Sie sind meine letzte Hoffnung – diesen Satz höre ich oft.“  Sein Fazit: „Es gibt  eine große Versorgungslücke.“

Jürgen Schäfer von der Uni Marburg

Jürgen Schäfer von der Uni Marburg, Foto: Uni Marburg

Die Patienten, die sich an das „Zentrum für unerkannte Krankheiten“  in Marburg wenden, kommen aus ganz Deutschland, viele aus Hessen. An Spitzentagen sind es bis zu 100 Patienten und Ärzte, die dort Hilfe suchen. „Unser Zentrum ist die bundesweit einzige Anlaufstelle für Patienten mit unklaren Leiden”, erklärt der Kardiologe Jürgen Schäfer im ECHO-Gespräch. Etwa zwei Dritteln kann er helfen. Schäfers Team macht sich auf die Suche nach dem Unbekannten. Vieles lässt sich telefonisch oder durch das Studieren der Akten klären.  Manchmal klingt es auch fast schon banal, was die Ärzte herausfinden. Bei einem Patienten, der seit zwei Jahren wegen seiner Rückenprobleme einen Facharzt nach dem anderen aufgesucht hatte, waren die Beschwerden letztlich von einer durchgelegenen Matratze verursacht worden.

Schäfer wird  von den Medien  als „der deutsche Dr. House“ gefeiert, weil er die TV-Serie  für seine Vorlesungen an der Uni nutzt, um  den  Studenten das Thema seltene und unerkannte Krankheiten näher zu bringen.  In Marburg arbeitet er eng  mit jungen Medizinkollegen zusammen. In dem interdisziplinären Team sind unter anderem  Gastroenterologen, Onkologen, Neurologen, Nephrologen, Radiologen und Pneumologen vertreten.  Schäfers Leitsatz: „Wir müssen uns Zeit nehmen und den Menschen zuhören. Welche Beschwerden gibt es, wie leben sie, wie ist ihre  Vorgeschichte.“  Die Menschen, die auf der Suche nach einer Diagnose seien, passten in keine Schublade.

Schäfer erzählt von einem Patienten, der unter Haarausfall, Blutungen und Ganzkörperschmerzen litt. „Er hat über Monate hinweg einen Arzt nach dem anderen aufgesucht”, erzählt der Kardiologe. Der Mann sei sogar ein Jahr lang beim Psychotherapeuten gewesen, weil die Ärzte dachten, er hätte sich die Haare selbst herausgerissen. Schröders Team stellte schließlich fest, dass der Patient an Skorbut leidet. Er  hatte aufgrund von Magenproblemen säurehaltige Speisen vermieden.

Patienten sind oft über Jahre im UnklarenZu den Diagnosen, die Schäfer und sein Team in den vergangenen Monaten gestellt haben, zählen etwa  Vitamin-B6-Mangel, Borreliose,  Kobaltvergiftungen, Neuropathien und  Autoimmunerkrankungen. „Das ist ein buntes Bild”, so Schäfer. Eines aber hätten alle Fälle, denen sein Team  detektivisch nachspürt, gemeinsam: Die Patienten seien über einen längeren Zeitraum über ihre Erkrankung im Unklaren gewesen. „Viele dieser Schicksale bereiten mir schlaflose Nächte.“
Für Schäfer  steht fest: Es braucht  bundesweit mehr Anlaufstellen für Patienten mit unklaren Beschwerden, es sei derzeit für diese Menschen viel zu schwer, den richtigen Ansprechpartner zu finden.  Zwar gebe es an vielen Unis Zentren für seltene Erkrankungen, etwa in Frankfurt, Heidelberg, Bonn oder Ulm, allerdings würden Patienten mit unklaren Beschwerden dort oft abgewiesen.  „Eine Borreliose ist ja  nun auch wirklich keine seltene Krankheit“, so  Schäfer.
Unikliniken seien für ein Zentrum für unbekannte Krankheiten  durchaus der richtige Partner.  Sie einzurichten, sei eine politische Herausforderung.    Die Zentren könnten nach Schäfers Meinung  auch  gut an Gesundheitsämtern angesiedelt werden. Wichtig sei jedoch die  interdisziplinäre Team-Arbeit.
Ein  großes Problem sieht der Arzt allerdings  im  Fallpauschalensystem der Kliniken. „Das System setzt Fehlanreize“, so der Mediziner. Viele Kliniken bauten gewinnbringende Bereiche wie die Orthopädie oder Kardiologie aus und sparten in Bereichen wie der Pädiatrie oder Endokrinologie.  „Die Finanzierung durch Fallpauschalen mag für  90 Prozent der Patienten ausreichend sein – die restlichen zehn Prozent   sollten nach Leistung und Aufwand abgerechnet werden.”  Er fordert, um die Versorgung zu verbessern,    drei Prozent  der Gelder für Unikliniken  für Patienten mit unbekannten Krankheiten  zu reservieren.  Der Bedarf sei groß: „Wir werden  überrannt.“

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10 Antworten auf “Dr. House” ist oft die letzte Hoffnung

  1. Sehr interessanter Artikel, hat mir sehr gefallen :)

  2. Dr. House, der Arzt dem die Frauen vertrauen :D

  3. Super Artikel und sehr ausführlich beschrieben das Ganze!

    Liebe Grüße

  4. Janina sagt:

    Super Artikel und echt sehr hilfreich!

    Liebe Grüße
    Janina

  5. Peet sagt:

    Super Artikel, sehr informative, Danke dafür !

  6. Interessant, ich habe bereits davon gehört, dass Ärzte mit den Folgen von Dr. House lernen aber das es jemanden gibt der sich explizit auf das Diagnostizieren von ungeklärten Krankheiten spezialisiert hat finde ich mega gut. Respekt für den Mann und sein Team!

  7. Sehr schöner Beitrag, weiter so!

  8. Sebastian sagt:

    Interessanter Artikel. Sehr hilfreich. Danke!

  9. Schöner Beitrag. Weiter so!

  10. Cooler Beitrag, weiter SO!

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