Arzt ohne Skrupel

Ein Arzt, der Studiendaten manipuliert und fälscht und seinen Patienten nicht sagt, dass er sie zu Versuchskaninchen gemacht hat. Sowas gibt es nicht? Gibt es doch, leider. Gerade hat das Klinikum Ludwigshafen die Ergebnisse einer Kommission vorgestellt, die in den vergangenen anderthalb Jahren 91 Publikationen des Dr. Joachim Boldt überprüft hat. In mindestens zehn Berichten hat der Anästhesist falsche Angaben gemacht. Nur zwei seiner Studien waren komplett fehlerfrei. Für einige Studien lauteten die Vorgaben beispielsweise, dass nur Patienten über 65 eingeschrieben werden dürfen – nach Prüfung der Unterlagen stellte sich heraus, dass viele Patienten jünger als 65 waren. In vielen Fällen war  die Dokumentation unvollständig. Boldt, so die Kommission, habe zwar keine Studiendaten erfunden, er habe aber Daten manipuliert und Patientengruppen „je nach Lust und Laune gemischt“. Bei keiner seiner Studien war zuvor ein Ethikvotum bei der Ärztekammer eingeholt, die Forschungsvorhaben waren auch nicht vorschriftsmäßig bei Kammer und Klinikum angezeigt worden. Das ist ein Hammer – und es ist ein großes Glück, dass alle 500 Patienten unbeschadet davonkamen. Nach Angaben der Kommission gab es zwar bei zwei Patienten Komplikationen, sie hätten jedoch  bei den Probanden „keinen bleibenden Schaden hinterlassen.“

Die Geschichte war 2010 ans Licht gekommen, Boldt hatte daraufhin seine Stelle als Chefarzt der Anästhesie am Klinikum Ludwigshafen verloren. Sein früherer Arbeitgeber, die Justus-Liebig-Universität in Gießen, hatte ihm im Februar 2011 untersagt, weiterhin den Titel Professor zu führen. Derzeit laufen zum Fall Boldt noch eine Reihe von Verfahren. Das Klinikum Mannheim behält sich vor, auf Schadensersatz zu klagen und hat den Kommissionsbericht an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Auf die Frage, warum ein Arzt seine Sorgfaltspflicht verletzt und Daten fälscht, hatten auch die Kommissionsmitglieder keine Antwort. Aus Ruhmsucht? In den verschiedenen medizinischen Fachzeitschriften wurden in der Zeit zwischen 1999 bis 2010 seine Arbeiten zum Thema Volumenersatztherapie bei Herzoperationen anstandslos gedruckt.

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One Response to Arzt ohne Skrupel

  1. Marc sagt:

    Da würde es ja manchmal schon helfen, wenn man sich die Anzahl der Paper anschaut, die einer publiziert. Da gab es einen Mediziner, der hatte in 20 Jahren 400 Fachartikel zusammengeschrieben. Und in den 90ern flog er auf (Daten erfunden, Daten geklaut etc.).

    Dass bei 20 Arbeiten im Jahr fast jeden Monat zwei geschrieben wurden, kann man eigentlich leicht ausrechnen. Und wer das mal gemacht hat, weiß, dass alle zwei Wochen Ergebnisse für eine Publikation eigentlich nicht möglich sind.

    Ok, die schreiben das nicht selbst, nur wurden diese Ehrenautorenschaften für Instututsdirektoren (deren Beitrag darin bestand, den Mitarbeiter keine Knüppel zwischen die Beine geworfen zu haben) auch schon damals kritisiert. Nur wer sollte diesen Sumpf trockenlegen? Die Frösche?

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