Alles nur Augenwischerei?

Die nächste Arztpraxis ist in Darmstadt  gleich um die Ecke, das  nächste Krankenhaus mit den Fachärzten  ein paar Straßen weiter und die Uniklinik ist nur 30 Kilometer entfernt. Trotzdem klagen Patienten  über lange Wartezeiten bei Augenärzten, wie  der Bericht  im Lokalteil Darmstadt  des ECHO zeigt.  Überfüllte Wartezimmer gibt es auch bei vielen Kinderärzten und Kinderkardiologen.  Ein Fall für die KV Hessen. Die ist für die Sicherung der Versorgung und die Bedarfsplanung zuständig. Die Berechnungen zeigen auf,  wo es  überall Defizite  gibt. Darmstadt gehört nicht dazu: Die Stadt leidet vielmehr unter  einer Überversorgung an Augenärzten, Kinderärzten und  Neurologen.  Ein Problem: Es wird bei der Bedarfsplanung nicht unterschieden, ob die Ärzte ganztags ihre Kassenpatienten behandeln, oder ob sie  nur die gesetzlich vorgeschriebenen 20 Sprechstunden pro Woche abhalten und den Rest der Zeit als Gutachter arbeiten oder Privatsprechstunden anbieten. Das verzerrt  das Bild und schreit nach einer Reform der Bedarfsplanungsrichtlinie – die zum Jahresende kommen soll. Ob sie alle Fehler der alten Richtlinie ausbügelt oder ob es sich dabei nur um eine Augenwischerei handelt, wird sich zeigen.
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6 Responses to Alles nur Augenwischerei?

  1. malle59 sagt:

    Guten Tag,
    den Bericht im Darmstädter Echo über die Misere der Augenarztversorgung kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Mit leichten, aber mich beunruhigenden Symptomen versuchte ich im Februar 2012 einen Augenarzttermin in Darmstadt zu ergattern. Nachdem ich bereits von einigen Praxen abgewiesen worden war, weil ich „nur“ Kassenpatientin sei, erhielt ich in der 6. Praxis einen Termin Ende Juni und die Nummer des augenärztlichen Notdienstes. Ich rief dort an, traute ich aber nicht so richtig dessen Dienste in Anspruch zu nehmen, weil ich mich nicht als Notfall betrachtete, sondern schlicht von einem Fachmann hören wollte, ob die Symptome ernst oder völlig harmlos sind.
    Im April verschlimmerten sich die Symptome, ich war sehr beunruhigt und suchte vor Verzweiflung meine Hausärztin auf. Sie riet mir sofort einen Augenarzt zu konsultieren, worauf wir wieder am Anfang der Geschichte angelangt sind.
    Ende der Geschichte: Sie hängte sich daraufhin sofort ans Telefon und sorgte dafür, dass ich am selben Abend in der Augenklinik Eberstadt vorsprechen konnte. Dort ließ man mich gar nicht mehr nach Hause gehen und setzte für den nächsten Morgen eine Not-OP an, weil sich durch einen großen Riss im linken Auge, die Netzhaut abgelöst hatte. Der Geistesgegenwart meiner Hausärztin habe ich zu verdanken, dass mein Augenlicht erhalten blieb.
    Was ich in den Tagen des Klinikaufenthalts auch hautnah erleben konnte, waren die Konsequenzen dieser Unterversorgung mit niedergelassenen Augenärzten auf die Ambulanz der Augenklinik, die völlig überlaufen ist. Die Ärzte dort müssen unter unmöglichen Arbeitsbedingungen 24-Stunden-Dienste abspulen und können sich nicht auf wirkliche Notfälle konzentrieren , was ja eigentlich einer Klinikambulanz vorbehalten bleiben sollte. Mehr als einmal habe dort die Aussagen von Hilfesuchenden gehört, man habe leider erst einen Termin beim Augenarzt im Dezember oder noch später erhalten.
    Apropos: meinen Augenarzttermin im Juni habe ich nicht, wie ein zynischer Zeitgenosse mir riet, bei ebay versteigert, sondern schlicht abgesagt.
    Malle59

    • sabine sagt:

      Ihre Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie groß der Engpass ist – und welche Folgen er im schlimmsten Fall haben kann. Sie reiht sich nahtlos ein in die Erfahrungen, die auch andere ECHO-Leser gemacht haben: Überlastete Augenärzte, volle Wartezimmer und überforderte Ambulanzen. Viele Brillenträger gehen, weil es bequemer ist und schneller geht, nur noch zum Optiker. Rückmeldung bekam ich auf den ECHO-Bericht auch von einem Augenarzt, der erzählte, wie er von morgens bis abends schuftet – für im Schnitt 15 Euro pro Patient und pro Quartal. Ihm ist wichtig, dass in seiner Praxis Notfälle und Kinder immer sofort dran kommen. Dies habe allerdings zur Folge, dass die Terminplanung durcheinanderkommt und einbestellte Patienten länger warten müssen, bis sie ins Behandlungszimmer kommen. Ohne engagierte Mediziner sähe die Situation im Gesundheitswesen sicherlich noch viel dramatischer aus. Das zeigt auch Ihr Blog-Beitrag: Glücklich kann sich jeder schätzen, der einen guten und erfahrenen Hausarzt hat, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Und der im Notfall zur Seite steht und dran bleibt.

  2. Marion sagt:

    Zunächst moniere ich mal die Maske in Englisch. Wir sind in Darmstadt!!
    Bezüglich der Augenärzte sollte man sich einmal orientieren, was ein Notfall ist und was nicht. Ein absoluter Notfall ist zum Beispiel seitlich einfallende Blitze. Zu unterscheiden von einer Art Kaleidoskop, welches eher auf Migäne hindeutet. Die Blitze deuten auf einen
    beginnenden Schaden an der Netzhaut hin und jeder Augenarzt muß in dem Fall das Auge untersuchen. Nachzulesen ist das alles im Internet über google. Aber“so ein komisches Gefühl “ am Auge ist kein Notfall.
    Die Erreichbarkeit von Ärzten ist mir ein großes Ägernis!! Im Darmstäder Eche gibt es eine Beilage, da grinsen die Ärzte alle toll ins Bild und wenn man die dann anruft, geht gar nichts.. Sie schielen auf Privatpatienten und scheren sich einen Dreck um hinfesuchende Patienten. Mit hat mal ein Neurologe gesagt, ich arbeite nur das Nötigste, ich will ja schließlich meine Kinder aufwachsen sehen. Na fein. Zeig mir den Bauern, der sein Weizenfeld oder den Mais nicht aberntet, weil er seine Kinder aufwachsen sehen will. Die Patienten sind sein Feld und er muß heute ernten, will er im Alter nicht bloß dastehen. Die Patienten warten auf den Termin.Irgendwann wird es besser. Hoffentlich

  3. Monika sagt:

    Habe den Artikel erst heute morgen gelesen, aber kann dem Ganzen nur mehr als 100%-ig zustimmen. Wir wohnen im Landkreis und ich habe versucht, für meine Tochter einen Augenarzttermin zu bekommen. Die Odysee, die ich dabei erlebt habe, mag ich jetzt hier gar nicht mehr wiedergeben, das wäre viel zu viel und zu lang. Kurz gesagt sei nur, dass ich in Darmstadt einen Termin in einer Praxis, die ich vom Kinderarzt empfohlen bekam, Anfang September letzten Jahres nur den Hinweis bekamm ich solle am 02.10. anrufen, da werden die Termine für nächstes Jahr (2012) vergeben. Glücklich der, der an diesem Tag vielleicht am Telefon durchgekommen ist und für 2012 einen Termin bekommen hat. Bin dann weiter zu einer Praxis im Nachbarort, wo man mich erstmal nach der Kassenzugehörigkeit fragte, sprich Kasse oder privat, denn hier werden die Patienten an getrennten Tagen zur Sprechstunde gebeten. Da ich mit meiner Tochter natürlich nur nachmittags nach der Schule einen Termin wahrnehmen kann, bekam ich hier auch dann nur einen Termin in den Ferien, wo wir auch vormittags könne, nach doch dann schon nur 5 Wochen. Auf Anfrage, warum nicht früher hieß es, daß man so viele Patienten hätte, aber eben nur so wenig Sprechstundenzeit. Wäre ich Privatpatient gewesen, hätte ich früher einen Termin bekommen, da es hier eben entsprechend viel weniger Privatpatienten gibt; die Mehrheit ist doch bei einer anderen Krankenkasse versichert. Auf Anfrage bei der KV, was hier schief läuft hieß es dann nur, dass genau nach gesetzlich vorgesehenen Stunden für die Sprechzeit gearbeitet wird. Da frage ich mich doch ernsthaft, wer auf diesen Sprechzeiten-Bedarfsplan gekommen ist. Wenn es doch sehr viel weniger Privatpatienten gibt, warum kürzt man dann nicht diese Zeiten und teilt sie den Kassenpatienten zu, die es in überwiegender Mehrheit gibt. Natürlich liegt hier eine Antwort auch auf der Hand: mit dem Privatpatient wird mehr Geld verdient. Und das sich dann kein Arzt, hier speziell Augenärzte, für wenig Geld aufreiben will, ist auch verständlich. So ist also unser Augenarztproblem einer der vielen Fehlplanungen unseres Gesundheitswesens, welches wohl leider von den falschen Leuten gemacht wird und damit an sich selbst krankt.

  4. Holzauge sagt:

    Sehr geehrte Frau Schiner,

    Ihr Artikel wurde mir von einem Patienten mitgebracht. Der Patient ist übrigen laut eigener Angaben recht zufrieden mit mir. Ach ja, ich muss mich noch outen: ich bin Augenarzt, allerdings nicht in Darmstadt.

    Die in dem Artikel geschilderten Symptome wind am wahrscheinlichsten ein Benetzungsproblem des Auges / trockenes Auge / Sicca-Syndrom. Dies ist KEIN Notfall. Wenn der Hausarzt den Verdacht auf einen Glaukomanfall (akute massive Augendrucksteigerung) hat und das vom Augenarzt ausgeschlossen haben will, dann kann er das ja auf die Überweisung schreiben. Bei der Selektion der Terminvergabe durch die Arzthelferin am Telefon wird dann sicherlich eine sofortige Untersuchung in der Augenarztpraxis veranlasst werden. Eine Abweisung mit dieser Verdachtsdiagnose kann sich kein Augenarzt schon aus juristischen Gründen leisten. Als Nichtnotfall bekommt sie allerdings einen regulären Termin in der Sprechstunde. Dazu unten mehr.
    Eine Vorstellung in einer Augenklinik wäre in diesem Fall völlig unverhältismäßig. Die Univ.-Augenklinik Heidelberg hat zu recht auf eine Voruntersuchung bei einem niedergelassenen Augenarzt bestanden. Ich muss an dieses Stelle nochmals der Kassenärztlichen Vereinigung und dem Sohn der Patientin widersprechen. Dies war KEIN Notfall! Solche eingebildeten (sorry, mir fiel jetzt keine andere politisch korrekte Umschreibung ein) Pseudonotfälle erschweren es im Praxisalltag die wirklichen Notfälle aus der Masse der Patienten herauszufischen und einer rechtzeitigen Versorgung zuzuführen.
    Übrigens ist auch ein grauer Star / Katarakt KEIN Notfall. Und er macht kein Druckgefühl, sondern eine Sehverschlechterung. Über diese Symptome hat die Patientin ja gar nicht geklagt, vielleicht war sie ja mit ihrer Sehschärfe noch zufrieden? Der operative Kollege hat sich sicherlich gefreut, dass ihm das ECHO jetzt bei der Akquirierung von Patienten behilflich ist. Dazu muss man wissen, dass diese operative Leistung recht gut vergütet wird. Auf die Unausgewogenheit der Honorierung von operativen und nichtoperativen Leistungen in der Augenheilkunde hatten Sie in Ihrem Artikel ja erwähnt.

    Als Nichtnotfall müssen Sie übrigens auch in meiner Praxis auf eine Terminvergabe etwa bis November warten. Sorry, mein Tag hat auch nur 24 Stunden und ich arbeite schon an meiner Leistungsgrenze. Die kurzfristig verfügbaren Termine sind für Frischoperierte, kurzfristige Verlaufskontrollen und WIRKLICHE Notfälle / notfallverdächtigen Symtome vorbehalten.

    Da ich ja schon seit 13 Jahren hautnah miterlebe, wie sich die nichtoperative / konservative augenärztliche verschlechtert, hatte ich im Juni 2009 mit einen offenen Brief an den damals zuständigen hessischen Minister für Arbeit, Familie und Gesundheit, Herrn Jürgen Banzer geschickt. Auf eine Antwort warte ich noch heute, selbst eine einfache Empfangsbestätigung des Schreibens wurde mir vom Ministerium verweigert. Entweder ist das Ministerium so desorganisiert und deshalb nicht lösungskompetent, oder es hat keine Lösungskonzepte und hüllt sich in Schweigen, da man mit dem Anpacken des Problems keinen Blumentopf (=Wählerstimme) gewinnen kann. So oder so hat der Bürger wohl nicht mit einer Vebesserung der Situation zu rechnen.

    Den Brief hatte ich damals auch dem ECHO zukommen lassen. Als Hinweis auf diese sich nun verschärfenden Probleme und als Ansporn für investigativen Journalismus. Leider bekam ich den Brief mit dem Kommentar zurück, dass nicht jeder „Leserbrief“ veröffentlicht werden könne. Aber machen Sie sich nichts daraus Frau Schiner, Frankfurter Allgemeine und Frankfurter Rundschau hatten überhaupt nicht reagiert. Es hat nur für einen Artikel in einer lokalen Zeitung gereicht.

    Ich könnte noch stundenlang hier schreiben:
    Warum ich mittlerweile auch eine Privatsprechstunde eingerichtet habe. (Das System lässt mir keine andere Wahl.)
    Warum ich gesetzliche Versicherte für 0 (null) Euro behandeln darf. (Das hätten Sie wohl auch nicht gedacht? Sagt Ihnen ja auch niemand. Vielleicht dämmert es Ihnen jetzt, warum immer weniger Ärzte in die Patientenversorgung zumindest in Deutschland gehen.)
    uws.
    Aber es ist Samstag und ich möchte meine wenige Freizeit auf angenehmere Weise verbringen. Im Juli sind schon 2 ganze Wochenenden für den äugenärztlichen Notfalldienst eingeplant. Und Schreiben ist ja eigentlich Ihr Job Frau Schiner. Sie können ja gerne Kontakt mir mir aufnehmen. Meine e-mail-Adresse liegt der Redaktion ja vor.

    Gleiben Sie gesund.

    In meiner Praxis sind in der Regel alle regulären Termine 4-6 Monate im voraus vergeben. Die kurzfristig noch zu vergebenden Termine

    • sabine sagt:

      Als Nicht-Nofall ein halbes Jahr in Ihrer Praxis auf einen Termin warten zu müssen, wie Sie in Ihrem Kommentar schreiben, ist meiner Meinung nach ein Indiz dafür, wie krank unser Gesundheitswesen ist. Ihre Schilderungen aus dem Praxisalltag verstärken den Eindruck noch. Ganz ehrlich, wenn ich einen Druck auf dem Auge spüre, woher weiß ich dann, dass ich kein Notfall bin? Das schränkt meine elementaren Sinnesfunktionen ein und verunsichert mich zutiefst.
      Mich würde interessieren, wie andere Blog-Besucher dazu stehen. Das könnte eine spannende Debatte werden.
      Ihre Sabine Schiner

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