Wohin, wenn nicht zum Kinderarzt?

Kinder und Jugendliche, die an einer psychischen Erkrankung leiden, brauchen eine ganz besondere medizinische Betreuung. Der Übergang zwischen Jugend- und Erwachsenenalter stellt Patienten und Ärzte vor eine Herausforderung.

Etwa 20 bis 40 Prozent der psychisch kranken Jugendlichen finden, wenn sie erwachsen werden, keinen geeigneten Arzt. Transition nennen Mediziner diese Übergangsphase, wenn mit Erreichen des 18. oder 21. Lebensjahres die Zuständigkeit der Kinder- und Jugendpsychiater oder der Kinderärzte endet. Eine Studie von Wissenschaftlern aus Marburg und Oldenburg zeigt, dass etwa die medizinische Behandlung von Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit- oder Hyperaktivitätsstörungen, kurz ADHS, beim Übergang ins Erwachsenenalter häufig abbricht – auch wenn die Störung fortbesteht.

Die Wissenschaftler hatten eine Gruppe von 15 Jahre alten ADHS-Patienten (4340 Jungen und 1253 Mädchen) über sechs Jahre beobachtet. Von den 15-Jährigen hatten 51,8 Prozent Medikamente verschrieben bekommen, sechs Jahre später, mit 21 Jahren, waren es nur noch 6,6 Prozent. “Die Auffassung, dass ADHS sich mit der Pubertät auswachse, ist überholt”, so einer der Studienautoren. Die Hälfte der Patienten zeige auch noch im Erwachsenenalter Symptome.

Eine unbehandelte ADHS gehe mit höheren Risiken für Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen, schlechteren Schulabschlüssen, Jobverlust oder einer höheren Sterblichkeit einher. “Umso wichtiger”, so der Marburger Kinder- und Jugendpsychiater Professor Christian Bachmann ist ein guter Übergang in die erwachsenmedizinische Versorgung.”

Jugendliche wollen eigene Wertvorstellungen entwickeln, sie haben den Wunsch nach Selbstständigkeit, lehnen das Elternhaus ab und damit sinkt auch die Bereitschaft zur Kooperation, beschreibt Dr. Michael Haug, Vorsitzender des Zentrums für Neurologie und Seelische Gesundheit (ZNS) Südhessen das Problem während einer Fortbildung in Darmstadt. Es gibt nur wenige spezialisierte Zentren, der Informationsaustausch zwischen den Ärzten ist oft unzulänglich. Zudem sind die Sprechstunden in der Erwachsenenmedizin eng getaktet, da bleibt oft viel zu wenig Zeit, um sich intensiv mit den jungen Erwachsenen zu beschäftigen. “20 bis 40 Prozent der Jugendlichen bleiben beim Übergang in die Erwachsenenmedizin auf der Strecke”, schätzt Haug.

“Das psychiatrische Hilfesystem steht vor der Herausforderung, diesen Übergang optimal zu gestalten”, heißt es dazu auch in einem Eckpunktepapier der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) in Berlin. Gegenwärtig bestünden noch erhebliche Schnittstellenprobleme zwischen den unterschiedlichen Versorgungssegmenten.

Die Gruppe der 18- bis 25-Jährigen beschäftigt auch die Mitarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Darmstadt. Oft sind es die Eltern oder Großeltern, die die jungen Erwachsenen in die Sprechstunde schicken: “Meist liegt noch gar keine Diagnose vor”, sagt Ute Frensch-Böhnle. Schulabbrecher seien darunter, viele dieser Jugendlichen seien orientierungs- und antriebslos. Einige leiden auch unter einer drogeninduzierten Psychose, die meisten sind stark entwicklungsverzögert. Sie brauchten dringend Hilfe, aber die Berater sind hilflos: Es fehlt an Angeboten für diese Gruppe.

Dem stimmt Jutta Schwibinger, Psychiatriekoordinatorin für Stadt und Landkreis, zu. In der Erwachsenenpsychiatrie sei diese Patientengruppe in der Regel nicht gut aufgehoben. Diese jungen Patienten bräuchten vielmehr motivierende und niedrigschwellige Betreuung im Rahmen ihrer Peer-Gruppen.

Zusätzliche therapeutische Angebote fordert auch die DGKJP, um Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen den Übergang ins Erwachsenenleben zu erleichtern. Es brauche neue, fächerübergreifende ambulante und stationäre Angebote. Noch besser wäre es jedoch, den Kranken einen Fallmanager zur Seite zu stellen. “Jemand, der die Fäden in der Hand hält”, sagt Michael Haug.

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