Schulschwänzen als Symptom

Etwa zehn Prozent der Kinder- und Jugendlichen in Deutschland leiden  nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Berlin  unter Angststörungen. Betroffen sind vor allem Kinder zwischen elf und 13 Jahren.  Obwohl es sich  um eine häufige Erkrankung handelt, gibt es Versorgungslücken, wie das Beispiel von  Noah zeigt.

Es begann im September 2012, erzählt  Silvia Thömmes aus Bad König. Ihr heute 13 Jahre  alter Sohn Noah bekam  starke Bauchschmerzen. Sie  ging mit ihm zu mehreren Ärzten. „Alles, was man herausfand, war eine Nahrungsmittelunverträglichkeit“, sagt  sie im Gespräch mit dem  ECHO. Noah wurde auf Diät gesetzt. Doch die Bauchschmerzen hörten nicht auf – der Junge   zog sich immer mehr zurück. „Er ging nicht mehr in die Schule, war ständig traurig,  ging nicht mehr aus dem Haus, traf seine Freunde nicht mehr“, zählt Silvia Thömmes auf.  Ihr Sohn  galt als  Schulverweigerer  – und sollte schließlich stationär in die Psychiatrie eingewiesen werden.
„Dass er an einer Angststörung leidet, hat zunächst kein Arzt diagnostiziert“, sagt  Silvia Thömmes. Sie versuchte, auf eigene Faust herauszubekommen, was Noah fehlt. Er hatte mittlerweile eine panische Angst vor der Schule.

„Er bekam Schweißausbrüche, wenn ich versuchte, ihn dort hinzubringen“, erzählt sie. Auf die Frage, was ihm denn fehle, wusste er keine Antwort. Silvia Thömmes  recherchierte und erfuhr  von der Psychosomatik-Abteilung des Clementine-Kinderhospitals in Frankfurt. Dort verbrachte ihr Sohn  eine Woche, und dort wurde auch die Diagnose Angststörung gestellt.

Nach dem Klinikaufenthalt fiel Jonas wieder in ein Loch. „Mir hatte zuvor niemand gesagt, dass man sich selbst um die Nachbetreuung kümmern muss“, so Silvia Thömmes. Doch ambulante Therapieplätze sind begehrt, es gibt lange Wartlisten. Indessen wurde das    Zusammenleben immer schwieriger.  „Jonas wollte so nicht mehr weiterleben – das machte mir Angst“, berichtet Silvia Thömmes.
Per Zufall kam sie in Kontakt mit Regina Falter, die in Bad König für Menschen mit Ängsten und Panikattacken Selbsthilfegruppen und eine Therapiebegleitung anbietet.  „Sie war meine letzte Hoffnung.“
Regina Falter ist selbst seit 24 Jahren Angstpatientin. Auch bei ihr hat es Jahre gedauert, bis  die Diagnose gestellt wurde.  Mediziner sprechen von einer Angststörung, wenn Furcht und  Angst über mehrere Monate hinweg auftreten und es zu  Schlafstörungen, innerer Unruhe  und körperlichen Beschwerden wie  Herzrasen, Schwindel oder Beschwerden im Brust- und Bauchraum  kommt.

Regina Falter versuchte, Noah näherzukommen und ihm  Sicherheit zu geben. Sie  war ständig per Handy für ihn erreichbar, stand ihm im Alltag bei.  „Ein  Sicherheitsnetz ist wichtig“, so ihre Erfahrung.  Nach    sechs Wochen  ging Noah schließlich wieder in die Schule und zum Fußballtraining.

„Wichtig ist, schnell zu reagieren, damit sich die Ängste bei  den  Kindern nicht festsetzen“, so Regina Falter. Als Noah das erste Mal wieder im  Klassenzimmer stand,  war klar, dass er einen Weg gefunden hatte, mit seinen Ängsten umzugehen. „Er ist den ganzen Tag wie ein Dotzball vor Freude herumgehüpft“, erinnert sich seine Mutter.
„Wenn  nicht rechtzeitig und schnell reagiert wird, kann sich  die Angst zu einer Zwangserkrankung weiterentwickeln“, so das Fazit von Silvia Thömmes. Monatelang auf die Diagnose warten zu müssen,  sei  eine enorme Aufgabe – und zwar für die gesamte Familie.  „Das Miteinander geht verloren.“ Belastend sei auch gewesen, dass ihr viele  Menschen  Erziehungsfehler unterstellten. „Ich hatte ja ohnehin an  mir gezweifelt und musste mir dann auch noch anhören, dass mein Kind einfach nur null Bock auf Schule hat.“ Heute ist Noah wieder ein Kind wie jedes andere. „Als wenn nie etwas gewesen wäre“, sagt seine Mutter.

Vortrag:Am Montag (22.) halten Regina Falter und Silvia Thömmes einen Vortrag über Angsterkrankungen bei Kindern: 20 Uhr, Mehrgenerationenhaus, Julius-Reiber-Straße in Darmstadt.

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