Mit Sport gegen die Pharma-Lobby – Darmstädter Internist plädiert für mehr Bewegung

Nierenkranke, die regelmäßig zur Dialyse gehen und Sport machen? Das kommt leider viel zu selten vor, sagt der Darmstädter Internist, Sportmediziner und Nephrologe Dr. Burkhard Weimer . Dabei könne moderates Training Leben verlängern, Erkrankungen verhindern oder zumindest verzögern.

Mit gutem Beispiel voran: Dr. Burkhard Weimer. Foto: privat

Geht mit gutem Beispiel voran: Dr. Burkhard Weimer. Foto: privat

Derzeit werden in Deutschland etwa 70 000 Patienten mittels Dialyse behandelt, weil ihre Nieren nicht mehr richtig funktionieren. Zu den häufigsten Ursachen einer Niereninsuffizienz zählen Diabetes und Bluthochdruck. Die Sterberate ist im Vergleich zur Normalbevölkerung um das Zehn- bis Zwanzigfache erhöht. Die Therapiekosten betragen für jeden Dialyse-Patienten pro Jahr etwa 40 000 Euro. Hinzu kommt, dass die Leistungsfähigkeit der Betroffenen stark eingeschränkt ist. Die Patienten leiden zudem oft auch noch unter weiteren Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit, arterielle Hypertonie und Diabetes.

Kurzum: Es gibt viele gute Gründe, um diesen Patienten spezielle Präventionskurse und Sporttherapien anzubieten. “Damit können das Voranschreiten der Erkrankung verlangsamt, die Lebensqualität entscheidend verbessert und erhebliche Kosten eingespart werden”, sagt der Mediziner. Die Datenlage sei klar, die Bedeutung einer adäquaten Sport- und Bewegungstherapie sei seit Jahren belegt.

In dem neu erschienenen Nachschlagewerk “Praktische Sportmedizin” (Thieme-Verlag, ISBN 978-3-13-175611-4) beschreibt der Darmstädter Arzt in einem Kapitel, welche Sportarten sich eignen. Beispielsweise sollten Peritoneal-Dialyse-Patienten alle Sportarten mit Druck auf den Bauchraum vermeiden und aufgrund der Infektionsgefahr keine Wassersportarten betreiben. Bei Hämodialysepatienten müsse zuvor der Dialyse-Zugang vollständig abgeheilt sein. Joggen, Walking, Radfahren, Schwimmen, Gymnastik und Entspannungsübungen eigneten sich hingegen für nierentransplantierte Patienten. Gegebenenfalls, so Weimer , sollte das Training ärztlich überwacht werden. Wichtig sei, dass die Betroffenen Spaß an der Bewegung haben. Nur dann, so seine Erfahrung aus der Praxis, machten die Patienten regelmäßig Sport.

Der Arzt bedauert, dass es für eine gezielte Sporttherapie derzeit keine adäquaten und verbreiteten Konzepte in der Nephrologie gibt. “Ähnliche Projekte kennen wir bislang nur in der Kardiologie, etwa bei Herzsportgruppen”, sagt Weimer . Solche Gruppen legt er auch seinen Patienten ans Herz, die er in seiner Praxis betreut. “Ich finde aber, dass es spezielle Sportgruppen für Nierenkranke in einem Ballungsgebiet wie Rhein-Main geben sollte”, so der Arzt. “Die Entwicklung und Umsetzung solcher Konzepte wäre eine win-win-win-Situation für Patienten, Ärzte und Kostenträger.”

Doch warum hat es Weimer dann so schwer, Mitstreiter zu finden, die wie er die Notwendigkeit einer Sporttherapie für Nierenkranke vor und während der Dialyse für essenziell halten?

Weimer macht dafür die Kommerzialisierung des Gesundheitssektors verantwortlich. Klassische gemeinnützige Versorger und freie Praxen gerieten immer mehr unter Druck. In Hamburg und Düsseldorf hätten bereits Private-Equity-Gesellschaften aus den USA und Schweden Großpraxen übernommen.

“Diese Firmen generieren ihre Gewinne natürlich nur in der maschinengestützten Therapie terminaler niereninsuffizienter Patienten”, so Weimer . Stabile Patienten, die noch keine Dialyse benötigten, seien wirtschaftlich für diese Unternehmen uninteressant. “Somit gibt es nur eine marginale Lobby für diese Patienten.” In Forschung, Klinik und Praxis sieht er deshalb noch erheblichen Handlungsbedarf.

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