Medikamentensucht – Wenn Pillen zum Problem werden

Foto: ParentingPatch

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Im Vorabendprogramm laufen  jede Menge Werbespots für rezeptfreie Arzneien. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass  einige dieser  Pillen  abhängig machen können, wenn sie über einen längeren Zeitraum  eingenommen werden. Apotheker, Suchtberater und Fachärzte wollen nun verstärkt über die  Risiken  aufklären.

„Zu Risiken und  Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder  Apotheker“: Dieser Satz  wird in den TV-Werbespots     schnell heruntergeleiert – Werbezeit ist kostbar. Viele Menschen nehmen den Spruch schon  gar nicht mehr wahr, und das Kleingedruckte in den Beipackzetteln auch nicht.      Dass  rezeptfreie Medikamente, die   eigentlich gegen Übelkeit, Erbrechen und Schlafstörungen helfen sollen,  auch süchtig machen können, ist vielen nicht bewusst, sagt Heike Richter,  die in Roßdorf in einer Apotheke arbeitet und im Pharmazeutischen Qualitätszirkel Südhessen engagiert ist.    Sie hat   mit dem  Caritasverband, der Landesapothekerkammer  und den  Suchtkliniken  Haus Burgwald in Mühltal und Schloß Falkenhof in Bensheim ein Projekt initiiert. Ziel ist, verstärkt über Medikamentensucht und die Hilfsangebote, die es in der Region gibt, aufzuklären.

„Kürzlich hat eine Frau mit 83 Jahren den Entzug geschafft, sie war total glücklich“, erzählt Heike    Richter bei der Vorstellung des Projektes in den Räumen des Caritasverbandes Darmstadt.  Die ältere Dame hatte mehr als 30 Jahre lang  Beruhigungsmittel (Benzodiazepine) eingenommen.  „Diese Medikamente  verändern mit der Zeit die Persönlichkeit, man wird ängstlich, depressiv, auch die Sturzgefahr steigt“, erzählt sie. Die Tabletten könnten  bereits nach wenigen Wochen süchtig machen und sie stehen auch in Verdacht, Demenzerkrankungen auszulösen. Viele  gingen davon aus, dass rezeptfreie Arzneimittel vollkommen harmlos seien. Die Beratungsgespräche  in der Apotheke seien da  oft ein erster Schritt, um die Betroffenen zum Nachdenken zu bringen und Denkanstösse zu geben.  „Wir haben  einen Flyer entwickelt, den man ihnen mitgeben kann und der über  die verschiedenen Hilfsangebote   informiert.“

Die Apothekerin  ärgert sich über die Arzneimittelwerbung, die  täglich im Vorabendprogramm gesendet wird.   „Bei Schlafstörungen gibt es ja  auch viele pflanzliche Alternativen wie Lavendel oder Baldrian“,  sagt sie. Wer abends nach dem „Tatort“  Einschlafprobleme hat,    dem rät sie, einmal um den Block zu laufen oder sich einen Tee zu machen.  „Es finden sich in vielen Fällen Alternativen zu Medikamenten“, so ihre  ganz praktische  Erfahrung. Heike Richter ist  deshalb auch für ein komplettes Werbeverbot für Medikamente aller Art. Karl-Heinz Schön von der Klinik Schloß Falkenhof in Bensheim stimmt ihr zu: „Bei Zigaretten hat es mit  Werbe-Einschränkungen und  Preiserhöhungen ja auch geklappt.“

Suchtexperten gehen von bundesweit    1,9 Millionen Menschen aus, die von  Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig sind, etwa zwei Drittel davon sind Frauen.  Die Hemmschwelle, sich  zu outen, ist hoch.   Weniger als ein Prozent sucht Hilfe in einer Entwöhnungstherapie.

Apotheker sind  nah dran am Thema – und sie sind  nach Paragraf 17  der Apothekenbetriebsordnung  auch verpflichtet, ihren Kunden bei einem begründeten Verdacht auf Missbrauch die Abgabe zu verweigern. Im  Alltag verlangt dies    viel Feingefühl. Stephanie Pfeuffer von der Landesapothekerkammer erzählt von   Zwölfjährigen, die Kopfschmerztabletten im Schulranzen haben,  von Studenten, die Aufputschmittel nehmen und  von Jugendlichen, die Erkältungssäfte wie Drogen konsumieren.   „Ich verweigere in solchen Fällen die Abgabe“, sagt Stephanie Pfeuffer.  Bei den Versandaoptheken seien diese Mittel    allerdings  jederzeit zu haben.
Die Experten sind sich einig, dass es ein Netzwerk braucht, um den Menschen helfen zu können.   Geplant ist deshalb auch, künftig Ärzte und Pflegevertreter mit einzubinden.

Ansprechpartnerfür das Projekt: Stephanie Pfeuffer, Landesapothekerkammer Hessen,  06151/ 295210, E-Mail: stephaniepfeuffer@arcor.de

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6 Antworten auf Medikamentensucht – Wenn Pillen zum Problem werden

  1. Markus sagt:

    Danke für den Bericht. Die Zahlen sind wirklich erschreckend… Mit einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Sport werden keine Schlafmittel etc benötigt!!

  2. Mark Basel sagt:

    Hallo,
    ich selber finde, dass das Thema der Suchtgefahr zu selten angesprochen wird. Ich selber komme aus Pratteln in der Schweiz und mein Arzt in Basel fragt direkt nach, ob rezeptfreie Medikamente eingenommen werden und bietet im gleichen Atemzug eine Beratung an. Ich finde, eine Arztpraxis, insbesondere eine Hausarzt Praxis, sollte solche Fragen direkt ansprechen. Daher kann ich diesen Allgemeinmediziner in Basel nur empfehlen.
    LG

  3. Gerade lief im Werefernsehen ein Spot zu einem Schmerzgel. Da wurde direkt angesprochen, was der Käufer möchte: Die Beschwerden sollen schnell beseitigt werden, damit wir weiter funktionieren – nicht nur im Job, wo es ja manchmal nicht anders geht, sondern auch in der Freizeit. Leider sind viele Menschen nicht mehr bereit, den Ursachen ihrer Beschwerden auf den Grund zu gehen und ihre Lebensgewohnheiten entsprechend zu verändern. Schade, denn dadurch könnte viel Positives bewirkt werden, gerade auch beim Thema Schlafstörungen und Schmerzen.

  4. Dennis sagt:

    Meistens haben sich die Menschen zu Beginn noch im Griff. Aber die Sucht kommt schleichend!
    Mein eigener Cousin hat damals aufgrund “psychischer Probleme” Diazepam verschrieben bekommen. Danach ging es nur noch Berg ab. Er ist heute stark Medikamentenabhängig und längst schon bei harten Drogen angelangt. Ich bin dankbar für jedes Silvester, an dem er noch unter uns weilt!

  5. yannik sagt:

    Die Zahlen sind wirklich unglaublich. Pharmamittel sind sehr oft nur zur Symptombekämpfung da und damit begibt sich der Patient in eine Abwärtsspirale. Ich bin kein Freund von einem alles dominierenden, pharmagesteuerten, westlichen, einseitigen Medizinmodell.

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