Outing als Stotterin

In Hessen gibt es schätzungsweise  70 000 Menschen, die stottern. Wie es sich damit lebt, hat mir  Susanne Schreyer aus Roßdorf erzählt. Sie hat viele Jahre versucht, ihre Sprachstörung vor anderen zu verbergen, nun outet sie sich. Eine mutige Frau, wie ich finde. Hier ihre Geschichte:

„Das Schlimmste für einen Stotternden ist, wenn die Menschen peinlich berührt Wegsehen, keinen Blickkontakt suchen, einem für dumm halten und  einem das Wort abschneiden“, sagt Susanne Schreyer aus Roßdorf.

Etwa fünf Prozent aller Kinder entwickeln  bis zum 6. Lebensjahr eine Redefluss-Störung, vereinzelt ist auch ein späterer Beginn möglich. Susanne Schreyer  ist in der dritten Klasse das erste Mal aufgefallen, dass sie stottert. „Ich kam mit dem Makel nicht klar“, erzählt sie im Gespräch. Sie wollte nach ihrer Schulzeit Ärztin werden, traute es sich aber nicht zu: „Diese Peinlichkeiten, das Schamgefühl, diese Sprechangst“, erzählt sie. Sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester, holte die Fachhochschulreife nach und studierte. Heute ist sie Sozialpädagogin und arbeitet als Lehrerin an einer Förderschule.  Sie hat sich vielen  Herausforderungen in ihrem Leben gestellt – nur dem Stottern nicht. „Ich habe immer versucht, mein Stottern zu vermeiden und zu verbergen. Ich habe  die Tricks dafür jahrelang geübt und bin da gut drin. In meinem Chor oder im Tangokurs wissen viele nicht, dass ich stottere“, beschreibt sie ihre Strategie.  Sie legt Füllwörter ein, macht Sprechpausen, ändert ganze Sätze, wenn sie fürchtet, ein Wort nicht fließend  aussprechen zu können. „Ich schummele mich so durch.“

Sie hat mittlerweile zwei Therapien gemacht, seit zwei Jahren besucht sie auch eine Selbsthilfegruppe in Darmstadt. „Es hat lange gedauert, bis ich mich dazu aufgerafft habe.“  Die Erfahrungen, die sie dort macht,  sind positiv. Nun will sie noch einen Schritt weitergehen.  „Ich bin an einem Punkt angelangt, dass ich mich meinem Stottern endlich stellen will“, sagt Susanne Schreyer. „Ich will versuchen, es  zu tolerieren und akzeptieren.“    Eine große  Hilfe sind die  regelmäßigen Treffen mit anderen Betroffenen. Seit Februar  gibt es in Darmstadt auch eine sogenannte „Flow“-Selbsthilfegruppe für  Menschen zwischen 16 und 29 Jahren  aus ganz Südhessen.  „Wie gerne hätte ich in meiner Jugend jemanden gehabt, eine Gruppe,  jemanden, dem ich mich hätte anvertrauen können, der mich versteht, der mich so nimmt, wie ich bin und mich auch noch gut findet“, sagt Susanne Schreyer. Eine solche Gruppe hätte ihr vermutlich damals sehr helfen können.

Sie hat sich vorgenommen, offener mit dem Stottern umzugehen und sich zu outen.  Sie hofft, dass sie mit der Zeit selbstbewusster  wird:  „Wenn ich mich 50 Mal einer schwierigen  Situation ausgesetzt habe, wird es beim 51. Mal   nicht mehr so schlimm sein – so lautet der Plan.“

Informationen  zum  Thema Stottern im Netz:   www.bvss.de  und ivs-online.de.
Kontakte zu den Selbsthilfegruppen in Darmstadt gibt es per Mail unter ernst.f.bauer@t-online.de,  Telefon: 0160 / 9660 1342 (tagsüber), 06257 /86 83 53 (abends bis 21:30 Uhr), Kontakt zur „Flow“-Gruppe: Telefon 0160 99111713 und per Mail unter k.plamitzer@gmail.com,

Dieser Beitrag wurde unter Gesundheitspolitik, Medizin veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.