Familienprobleme? So kriegt man Krisen in den Griff

Wenn die Familie versagt, kann das Kinder und Eltern krank machen. Prävention sollte deshalb möglichst früh ansetzen. Zu Annedore Bauer und Peter Ottasek vom Familienzentrum Darmstadt  kommen Eltern, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Ich war dort und habe mit Ihnen gesprochen.

ECHO: Wo hakt es  in Familien?

Peter Ottasek: Stichpunkte sind Zeitnot und Verdichtung im Alltag, Erziehungsunsicherheit, fehlende Rollenvorbilder. Es fehlt der Mut zur  Langeweile. Die Eltern stehen oft unter dem Druck,  alles richtig machen zu wollen…

Annedore Bauer: …dazu  kommt das Problem der Übergangsgestaltung: Das Kind wechselt von der Krippe in den Kindergarten oder vom Kindergarten in die Grundschule und später in die weiterführende Schule. Da wird es oft eng.  Problematische Phasen sind auch Trennung und Scheidung.  Etwa jeder zweite Beratungsfall  ist davon in irgendeiner Form betroffen.

Ottasek: Das muss aber nicht heißen, dass automatisch immer bei einer Trennung oder Scheidung Probleme auftauchen.

ECHO: Was sind es denn  für Probleme, mit denen Eltern zu Ihnen in die Beratung kommen?

Ottasek: Zum Beispiel  wenn das Kind morgens trödelt,  die Eltern stehen unter dem Zeitdruck, wollen pünktlich zur Arbeit: Anspannung macht sich breit. Oder die alleinerziehende Mutter, die morgens das Abendessen vorkocht, noch schnell den Arzttermin vereinbart und dann die Brotzeit für das Kind richtet – die Anforderungen sind verdichtet und die Erwachsenen sind darauf angewiesen, dass das Kind mitspielt. Doch Kinder haben oft einen anderen Rhythmus.

Annedore Bauer: Es gibt Kinder, die mit dem  durchgetaktetem Alltag nicht zurechtkommen und dann auch einmal nachts verstärkt schreien und sich so die Emotionalität holen, die sie brauchen. Bei mir waren schon Eltern, die mir Videoaufnahmen ihres  schreienden Kindes zeigten – und von mir erwarteten, dass ich eine schnelle Lösung für sie finde.

ECHO: Um das Kind möglichst  ohne großen Aufwand und wie auf Knopfdruck ab- oder umstellen zu können?

Annedore Bauer: Nein, das klingt mir jetzt zu  abwertend. Die Eltern, die zu uns kommen, suchen nach guten Lösungen für sich und für  ihr Kind, ganz unabhängig davon, welcher Nationalität oder Bildungsschicht sie angehören. Das ist ihre  Triebfeder. Ich glaube, sie sind manchmal richtig erleichtert, wenn man sie – ganz nach dem afrikanischen Sprichwort „Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht“  – dazu ermutigt, Geduld zu haben.

ECHO: Welche  Symptome begegnen ihnen in der Sprechstunde am häufigsten?

Bauer: Die Eltern kommen zu uns, wenn sie sich überfordert fühlen. Etwa weil die Kinder  Trotzreaktionen zeigen oder sich zurückziehen.

Ottasek: Zu den Symptomen zählen auch  Leistungsverweigerung, Schulprobleme.  Auch psychosomatische Reaktionen, wie Schlafstörungen können auftreten.

Bauer: Wir versuchen  zu zeigen, dass Kinder  Zuwendung brauchen. Das erfordert  von den Eltern Zeit und innere Ruhe.

ECHO:  Ist Entschleunigung  denn ein erster Schritt, um die Probleme in den Griff zu kriegen?

Ottasek: Eine Beratung ohne Handy, ohne Fernseher, nimmt automatisch Tempo heraus. Es ist schön zu sehen, wie Eltern dann  Ideen entwickeln können, wie sie die Probleme angehen wollen. Im Prinzip funktioniert das System Familie ja auch gut – solange es nicht in eine Übergangszeit oder Krise geht:  Der Vater wird arbeitslos, das Kind   eingeschult. Da ändern sich zwei Faktoren, doch die Familienroutinen bleiben   gleich.  Um die  Rituale an neue Situationen anzupassen, brauchen Eltern  manchmal neue Ideen und Unterstützung.

ECHO: Gibt es Standardlösungen für Familienkrisen?

Annedore Bauer:  Wir unterstützen Eltern, ihren eigenen Weg zu finden. Konkrete Tipps gebe ich nur, wenn die Eltern aufgrund des hohen Problemdrucks sich schwer tun, in Richtung Veränderung zu denken. Dann ist die Beratung eher verhaltenstherapeutisch orientiert.  Oft sind sich werdende  Eltern nicht bewusst, dass sich mit den Kindern  die Partnerschaft und das Zeitmanagement verändern. Auch da sind wir Ideengeber.

Ottasek: Zum Glück passiert in der Familie viel intuitiv.  Ist das Baby auf der Welt, schaut man es an, ist gerührt, fasziniert und begeistert von seinem Kind. So entsteht Bindung.  Wir ermuntern  Eltern, im Alltag mal öfter  das Herz lachen zu lassen und  wertvolle Zeit mit dem Kind zu verbringen. Trotz  aller Widrigkeiten.

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