Demenzkranke in Kliniken: Zuwendung statt Fixierung (Teil 1)

Etwa jeder fünfte Patient, der in einer Akutklinik behandelt wird, ist dement  – und braucht eine ganz spezielle Versorgung. Darauf sind längst nicht alle Kliniken eingestellt. Altersforscher fordern neue Konzepte.

„Das Leben  mit Demenz ist ja oft bereits zu Hause für den Patienten und die Angehörigen ein Balanceakt“, sagt Marion Bär vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg. Bei einem Klinikaufenthalt kämen dann noch akute Stressfaktoren dazu: Fremde Umgebung, fehlende Bezugspersonen, Angst, Schmerzen. „All das kann sich darin äußern, dass die Kranken weglaufen, sich der Pflege verweigern oder aggressiv werden“, so Bär bei einem Vortrag an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.  Diese Verhaltensweisen machten oft Ärzten und Pflegekräften, aber auch Mitpatienten, das Leben  schwer. Kliniken, so die Gerontologin, bräuchten eine Gesamtstrategie zum Thema Demenz.  Modellprojekte seien ein erster Schritt.

Auch die  Deutsche Alzheimer-Gesellschaft in Berlin fordert von  Kliniken, die Versorgung von Demenzkranken zu verbessern: Pflegekräfte und Ärzte sollten sich mehr Fachwissen über Demenzerkrankungen  aneignen und  mit den Angehörigen kooperieren. Zudem brauche es angemessene Strukturen und Abläufe in den Krankenhäusern, etwa eine schnellere Aufnahme der Betroffenen  und Übernachtungsmöglichkeiten für Angehörige.
Marion Bär rät Krankenhäusern, Demenzbeauftragte zu ernennen, das gesamte Personal für das Thema Demenz zu sensibilisieren, Angehörige einzubeziehen, und Ehrenamtliche  verstärkt in die Betreuung einzubinden. Wichtig ist nach Ihrer Meinung auch ein kritischer Umgang mit  Psychopharmaka und ein spezielles  Entlassungsmanagement.  Für die Berliner Gerontologin Erika Steinhagen-Thiessen ist das Planen der nachstationären Zeit, sogar eine klare Aufgabe der Geriatrie. Dazu gehört für sie auch, dass Probebesuche in ambulanten Einrichtungen und Tageskliniken organisiert werden. „Das kommt gut an, die Patienten müssen die Chance haben, sich eingewöhnen zu können“, so die Ärztin bei einem Seminar des Netzwerk Alternsforschung der Uni Heidelberg.  Defizite sieht  die Leiterin des Geriatriezentrums an der Charité  in Berlin – sie ist  Mitglied im Deutschen Ethikrat – auch bei der Diagnostik: „Sie kommt immer zu spät und ist  unzureichend.“  Die  Symptome müssten mehr als sechs Monate lang auftreten, erst dann sei  die Diagnose   über die  Krankenkassen abrechenbar, erklärt die Ärztin.  Die Folge: Die  Demenz wird  bei  vielen Kranken erst während des Klinikaufenthaltes entdeckt  oder sie bleibt ganz unerkannt, was die Heilung oft erschwert oder verzögert.  „Bei der Diagnose sind die Hausärzte gefragt“, so Erika Steinhagen-Thiessen.   Manche Demenz-Patienten entwickelten auch erst in der Klinik  Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Depressionen, Aggressionen oder  Persönlichkeitsveränderungen.  „Da ist es  für Ärzte wichtig zu wissen, dass   eine Demenz zugrunde liegt.“

„Die Patientenorientierung ist für Kliniken eine große Herausforderung“, sagt Marion Bär. Pflegekräfte müssten sich eigentlich mehr Zeit für diese Patienten nehmen, die sie in der Regel aber nicht haben. Ein Dilemma, das in manchen Kliniken  in sedierenden Medikamentengaben und Fixierungen münde. „Manchmal werden die Patienten, weil sie sich   gegen Körperkontakt  wehren, nicht mehr umgelagert oder die  Mundpflege wird vernachlässigt.“   Die Gerontologin  sieht  auch Politiker in der Pflicht, wenn es darum geht, Anreize zu setzen. „Kliniken brauchen Förderprogramme  und Refinanzierungsmöglichkeiten, damit sie  in neue Pflegemodelle investieren.“

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