Babyblues – Horror nach der Geburt

Das Kind ist auf der Welt, alle sind glücklich – und die Mutter weint und ist zutiefst traurig. Depressionen nach einer Geburt  sind ein  Thema, über das  nur selten  gesprochen wird.      Viele Frauen fühlen sich damit alleingelassen. Tanja Ernst ist Krankenschwester, verheiratet und hat zwei Töchter, die vier und ein Jahr alt sind. Die 38 Jahre alte Darmstädterin litt drei Monate nach der Geburt ihrer ersten Tochter an einer Depression.

„Ich habe viel geweint und war am Boden“, erinnert sie sich im Gespräch mit dem ECHO.  „Ich konnte mit meinem Kind anfangs nicht viel anfangen.“ Sie suchte Hilfe, ging zu ihrem  Frauenarzt, doch der machte nur die Pille  für die Traurigkeit verantwortlich.  Eine Diagnose  stellte er nicht. Tanja Ernst lies nicht locker und recherchierte  im Internet. „Ich wurde  schnell fündig“, erzählt sie. Sie knüpfte Kontakte und fand zu  einer Selbsthilfegruppe in Arheilgen. „Der Austausch mit den anderen Frauen hat mir geholfen.“ Bei ihr war es  mehr als  ein kurzfristiger Baby-Blues. Einige  Monate später begann sie  eine Psychotherapie. „Ich hatte gedacht, dass ich das selbst hinkriege – aber es kam immer wieder.“  Heute engagiert sie sich in der Selbsthilfe und versucht, Frauen, denen es ähnlich ergeht, zu helfen.

Silke Latscha, Psychologin aus Darmstadt,  kann Tanja Ernst nur zustimmen. Sie litt selbst vor zwölf Jahren bei der Geburt ihrer Tochter an Depressionen. „Das fing bereits in der Schwangerschaft an und wurde nach der Geburt immer stärker.“  Weder sie selbst noch ihr Arzt hätten damals die Anzeichen erkannt. Sie hatte dann ganz  zufällig von  der Selbsthilfeorganisation  „Schatten und Licht“ gehört und dort jemanden  gefunden, mit dem sie darüber  sprechen konnte.    „Das ging mit meinen Freundinnen nicht. Die waren hilflos.”
Nach Angaben der Techniker Krankenkasse  sind im vergangenen Jahr  bundesweit etwa 2300 Frauen nach einer Geburt an einer Depression erkrankt.  Man spricht von einer peripartalen Depression, wenn  das Stimmungstief mehr als zwei Wochen anhält. Oft leiden die Frauen auch unter Angst- und Panikzuständen.  Die Techniker Krankenkasse hat zum Thema Depression nach der Geburt   einen Ratgeber   für  Betroffene und  Angehörige herausgebracht. Die Broschüre  enthält  auch einen   Test, der Frauen helfen soll, herauszufinden, ob sie an einer Depression leiden  „Je   früher die Krankheit erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen“, sagt  Julia Abb von der Pressestelle der Techniker Krankenkasse in Frankfurt. Die Erkrankung habe Auswirkungen auf die ganze Familie.

„Ich hatte Schuldgefühle und  fühlte mich als Rabenmutter“, erzählt Tanja Ernst.  Das Leben mit einem Kleinkind sei   ohnehin schon eine große Herausforderung – vergleichbar mit einem neuen Job, bei dem man zu Anfang auch erst überfordert sei und sich fremdbestimmt fühle.  Nicht alle Frauen gingen in der neuen Mutterrolle von Anfang an voll auf.  Manche müssten auch erst nach und nach hineinwachsen. „Die Verantwortung  kann  auch erdrücken.“

Tanja Ernst  und Silke Latscha haben sich   vorgenommen,   mehr Verständnis dafür zu schaffen, dass es nach einer Geburt auch mal nicht so gut laufen kann. Die beiden finden es problematisch, dass viele Frauen- und Kinderärzte und  Hebammen Berührungsängste haben, was das Thema angeht. „Es ist immer noch ein Tabu, da wird nicht gerne darüber geredet“, findet  Silke Latscha.   Sie sucht noch Mitstreiter: Die Psychologin  engagiert sich im Bündnis gegen Depression und versucht, ein Netzwerk aufzubauen und Fachleute und Betroffene an einen Tisch zu holen, um gemeinsam  Möglichkeiten zu finden, wie betroffenen Frauen und ihren Familien geholfen werden kann.   „Man braucht Kraft, um zu den Schattenseiten des Mutterseins zu sehen  – und es braucht Fachleute, die einem dabei helfen“, so Silke Latscha.

Ansprechpartner:Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe treffen sich jeden ersten Montag im Monat um 20.15 Uhr in einem Raum im  Alice-Hospital, Kontakt: 0176 29193002 plus Link zur Broschüre.  Ärzte, Experten und Betroffene, die sich für den runden Tisch interessieren,   können sich bei Silke Latscha melden:  Telefon 06151 6677931. Die Broschüre der Techniker Krankenkassen gibt es unter www.tk.de/lv-bayern. Weitere Infos  zur Selbsthilfe unter  www.schatten-und-licht.de

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2 Responses to Babyblues – Horror nach der Geburt

  1. Tina sagt:

    der baby blues ist wirklich nicht zu unterschätzen, ist hatte dieses Erlebnis selbst in freundeskreis. die betroffe war nicht mehr „greifbar“ und so blieb auch nur noch externe hilfe von einem Experte. das war für alle beteiligten keine schöne zeit. nun hat sich allem zum guten gewendet. früh erkennung ist sehr wichtig.

  2. Ich kenn es selbst von meiner Schwester, sie war nur zuhause immer schlechte Laune und es war wirklich nicht zu ertragen.
    Auch wenn ich sie liebe aber es war auch sehr anstrengend für mich, ich war immer für sie da und hab es geschafft sie daraus zu holen. Depressionen sind zwar nicht ansteckend, aber die Depressionen übertragen wirklich schnell, ständig war ich bei ihr und fühlte auch langsam wie ich darunter leide und auch in leichte depressionen verfallen bin.

    Das Thema sollte man aufjeden fall ansprechen und auch nicht vernachlässigen!

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