Schmatzen im Gebüsch

Erwischt: Der nächtliche Besucher gehört zur Art Erinaceus europaeus, Westeuropäischer Igel oder Braunbrustigel. Und er hatte noch einen Partner mitgebracht. Foto: Marion Menrath

Erwischt: Der nächtliche Besucher gehört zur Art Erinaceus europaeus, Westeuropäischer Igel oder Braunbrustigel. Und er hatte noch einen Partner mitgebracht. Foto: Marion Menrath

Möglicherweise habe ich neue Mitbewohner im Garten, vielleicht sind sie aber auch schon weitergewandert. Schuld an der Begegnung mit zwei ausgewachsenen Europäischen Igeln ist Königin Victoria – das heißt ein Film über die junge Königin Victoria. Um das zu erklären, muss ich wohl etwas ausholen.

Normalerweise sind mir europäische Königshäuser völlig schnuppe. Kein Baby dieser Welt könnte mich dazu bringen, stunden- oder gar tagelang vor irgendwelchen Krankenhäusern zu kampieren. Der Film des frankokanadischen Regisseurs Jean-Marc Vallée, in den ich nur kurz mal reinschauen wollte, fesselte mich am Montagabend wider Erwarten. Denn er zeigt die Zeit kurz vor und nach der Krönung der englischen Queen Victoria als lebensunerfahrene Achtzehnjährige. Die allgemeine Wahrnehmung dominiert dagegen das Bild der späteren Matrone, die das viktorianische Zeitalter prägte.
Nach dem Film wollte ich noch schnell im Dunkeln die Mülltonne auf die Straße schieben und dabei hörte ich ein merkwürdiges Schnarren aus dem Garten. Mit der Taschenlampe ging ich dem Geräusch auf den Grund und fand: Zwei Igel beim Igelstündchen. Leider musste ich das romantische Tete-a-tete etwas stören, denn ich wollte doch Beweisfotos haben. Das ist im Stockdunkeln keine ganz einfache Angelegenheit, weshalb ich nun ziemlich viele (unscharfe) Bilder vom Boden, Blättern, Zweigen, Hauswand und Skulpturen und einige (sehr wenige) Bilder von den Igeln habe – aber leider nicht beide auf einem Bild.

Verstecke für Kleintiere bietet der Garten genug. Einige Trippelschrittchen genügen und schon ist ein Igel unter der nächsten Hecke oder im Bambus verschwunden. Foto: Marion Menrath

Verstecke für Kleintiere bietet der Garten genug. Einige Trippelschrittchen genügen und schon ist ein Igel unter der nächsten Hecke oder im Bambus verschwunden. Foto: Marion Menrath

Die beiden Igel trennten sich nämlich augenblicklich und strebten an verschiedenen Stellen ins Unterholz. Der Garten bietet  neben vielen Schnecken, Würmern, Kellerasseln und anderem Getier auch unzählige schöne Igelverstecke und unter der Eingangstreppe sogar eine durch die Bambushecke erreichbare 1A-Überwinterungsmöglichkeit, wenn man sie noch etwas mit Laub auspolstert.
Dort hat mein letzter Igel vor zwei Jahren gewohnt. Auch dieser tauchte quasi über Nacht auf. Auf ihn aufmerksam wurde ich erst, als ich an einem Sommerabend den Bambus wässerte und dabei etwas laut fauchend protestierte. Von da ab konnte ich etwa 14 Tage lang beobachten, wie er jeden Abend in der Dämmerung wach wurde, zuerst im nördlichen Gartenteil unter dem Kirschbaum nach dem Rechten schnüffelte. Danach kletterte er leichtfüßig durch die Stäbe am Gartentörchen (übrigens die einzige Zugangsmöglichkeit zum Garten für kurzbeinige Mitbewohner), spazierte über die Einfahrt zur Nachbarin, um dort laut schmatzend ihren Garten zu inspizieren.
Leider dehnte er irgendwann die Rundgänge zum Nachbarn mit dem großen Gartenteich aus, der daraus lieber keinen ertrunkenen Igel fischen wollte und das Tierchen deshalb kurzerhand in scheinbar ungefährlichere Nachbarschaft umquartierte.

Gute Tarnung: Wenn sie sich ruhig verhalten und nicht gerade schmatzend oder schnarrend durch den Garten ziehen, sind Igel auf dem Gartenboden nur schwer zu entdecken. Foto: Marion Menrath

Gute Tarnung: Wenn sie sich ruhig verhalten und nicht gerade schmatzend oder schnarrend durch den Garten ziehen, sind Igel auf dem Gartenboden nur schwer zu entdecken. Foto: Marion Menrath

Dabei gelten Igel eigentlich als ganz passable Schwimmer und können sich durchaus helfen, solange es einen möglichst ebenerdigen Ausstieg aus dem Teich gibt.

Nicht helfen können sie sich dagegen gegen Autos, denn die Angewohnheit sich zu einer Stachelkugel zusammenzurollen ist leider im Straßenverkehr absolut kontraproduktiv. Und auch in unserer ruhigen Wohnstraße, mitten im Tempo-30-Gebiet, schaffen es manche mit 60 Stundenkilometern durchzubrausen.
Neben Autos ist für Jungigel insbesondere der erste Winter gefährlich, den sie bei einer späten Geburt meist nicht mit ausreichend Reserven angehen können.  Wenn meine Mitbewohner doch noch mit der Familienplanung zu Potte kommen sollten, dauert es 35 Tage bis die Jungen auf die Welt kommen. Dann ist es schon Anfang September. Sechs Wochen werden die Jungigel gesäugt (Mitte Oktober), danach sollen sie 200 bis 250 Gramm wiegen. Für den Winterschlaf im Freiland sollen die Tiere aber laut Expertenmeinung mindestens 500 (eher 750) Gramm wiegen. Das hört sich alles sehr knapp an. Ich werde jedenfalls die Ohren offen halten, um herauszufinden, wie es mit den Igeln weitergeht. Sitzen sie allerdings still im Gebüsch, sind sie so gut wie unsichtbar.

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