Werbe-Kritik für die Kaffeepause: „The Economist“

Mit einem alten Artikel über Kaffeetrinken auf dem Kaffeebecher will der "Economist" in Deutschland neue Kaffeetrinker, äh, Zeitungskäufer, werben. Quelle: "The Economist"

Erinnert sich noch jemand an die Schulzeit-Kugelschreiber-Graffiti „Wer das liest, ist doof“? So ähnlich aufmerksamkeitsheischend versucht sich die britische Zeitung „The Economist“ auf dem deutschen, norwegischen, schwedischen, niederländischen und dänischen Markt zu etablieren und hat sich dafür von einer Amsterdamer Agentur eine europaweite Werbekampagne entwerfen lassen. Diese heißt „The word on the street“ und vermittelt sich unter anderem über die Alltagsgegenstände Brötchentüte, Kaffee-Pappbecher und Tragetasche mit der Aufschrift „If print is dead, you’re not reading this“ oder (auf dem Kaffeebecher:) „Coffee for everybody“. In Deutschland soll die Kampagne in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt und Düsseldorf zu sehen sein; außerdem gibt es noch klassische Werbung mit Plakaten in U-Bahn-Haltestellen etc., Kino-Spots und Abo-Marketing-Aktivitäten in lokalen Print- und Online-Medien.
 Wir haben davon noch nichts mitbekommen, leben allerdings ja auch in einer Großstadt ohne U-Bahn und trinken unseren Kaffee gemütlich vorm Computer, anstatt mit ihm durch die Gegend zu rennen. Schön, wenn der „Economist“ selbst noch weiter daran glaubt, dass seine Papier-Ausgabe sich neue Märkte in Europa erschließen könnte. Aber erstens sei da mal der Satz „Die Qualitätszeitung für 2,20 Euro empfinden viele als zu teuer, den Latte Macchiato nicht“ aus Volker Lilienthals und Thomas Schnedlers Essay über den Preisverfall im Journalismus entgegengestellt. Zweitens wird einem da intellektuell ganz schön was abverlangt. Der Werbe-Spruch vom Kaffeebecher beispielsweise geht auf einen „Economist“-Artikel vom 19. Mai zurück, in dem es irgendwie um eine Frau geht, die Kaffee trinkt. Aha. Und weil ich auch täglich Kaffee trinke und eine Frau bin, kaufe ich dann jetzt die Zeitung?  Drittens findet sich interessanterweise online beim „Economist“ selbst keine Info zur Werbekampagne. Sucht man da nach „The word on the street“, so kriegt man diesen Artikel eines Blogs als wissenschaftliche Abhandlung über Fluchen und Slang als „Gossensprache“ durch die Jahrhunderte. Fündig wird man hingegen auf Facebook. Was der Werbekampagne eigentlich zuwiderläuft, denn das denken die meisten Nachrichten-Junkies ja schon jetzt: Unsere tägliche Info-Dosis gib uns übers soziale Netzwerk! (kfe)

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