Tagesspruch: Von fetten Geistern und schlanken Körpern

Der Tagesspruch von heute ist superaktuell. Denn gerade wurde bekannt, dass die Frauen-Zeitschrift “Brigitte” nach einer mehr als zweieinhalb Jahre dauernden Phase mit “normalen” Frauen ab sofort wieder Profi-Models einsetzt. Nimmt man Friedrich von Schiller beim Wort, dann dürfte sich der Inhalt und die Form der journalistischen Berichterstattung in der “Brigitte” dann auch demnächst verändern: schmalere Texte, weniger Inhalt, geringere Seitenzahl, …. geringere Auflage?

Andererseits gibt es ja diesen Spruch “Weniger ist mehr”. Damit kann man aber in Sachen Frauen-Zeitschriften vermutlich höchstens die Schminktipp-Seiten adäquat füllen: mal da ein bisschen weniger Rouge, mal dort den Lidschatten weglassen und einen nicht so knalligen Lippenstift auftragen. Und über den sogenannten “Natural Look” lässt sich vortrefflich mehr schreiben, schließlich braucht es total viele Produkte zum Auftragen, damit es dann am Ende nicht so aussieht, als hätte man viele Produkte aufgetragen. Aber es gibt auch noch andere Lesarten und aktuelle Verknüpfungen.

Zurück zur Fülligkeit des Körpers und der Schlankheit des Geistes. Diese Kombi gibt es, passt Schiller (und der Schönheitsindustrie) aber offensichtlich nicht. Ein schlanker (= reiner) Geist gilt irgendwie als edel, ein fülliger Körper heutzutage eher nicht. Schiller will Harmonie, da hat er ja recht, denn auch ein fülliger Körper kann einen “fetten” Geist haben, und für die Schlankheit gilt das vice versa. Und alle Fitnessfanatiker und Bodybuilder sind bestimmt von dem Spruch begeistert, glauben sie doch, dass sie aus eigener Willensanstrengung heraus ihren Körper so formen, wie sie es tun, ganz individuell. Ungefähr so individuell und unabhängig von der Schönheitsindustrie und gesellschaftlichem Druck, wie Charlotte Roche ihrerzeit ihre Heldin in ihrem vermeintlichen Skandalbuch “Feuchtgebiete” es sich denken ließ. Das ist nämlich bis heute das Riesen-Missverständnis mit diesem Buch: Es ging nicht um Sex, naja, nicht vordergründig, sondern war eine Abrechnung mit gesellschaftlichem Konformitätsdruck gegenüber jungen Frauen, vor allem in den Bereichen Hygiene und Schönheit.

Leider erfährt man eher selten, wenn dagegen jemand aufmuckt und somit fetten Geist UND fetten Körper zeigt oder thematisiert. Da wäre zum Beispiel die Sache mit den falsch geschriebenen Maßen, der Twitter-Welle und dem Foto-Projekt: Der Verschreiber über den Idealkörper von 60-90-60 der Bloggerin Journelle (Original-Text dazu hier) brachte schnell das Trending Topic/Hashtag “#609060″ auf Twitter hervor, und unter “normale Menschen in Oberbekleidung” stellten eben diese Fotos von sich über Instagram und andere Dienste ins Netz. Zumindest unter jungen Bloggerinnen wird nun diskutiert, was eigentlich ein “normaler Körper” ist.

Und fast zeitgleich ereilt uns die Meldung, dass ganz viel Kleidung auch gar nicht mehr auf den Leib geschneidert und von echten Menschen präsentiert wird. Bekleidungsriese H & M stellt die aktuellen Bademoden an virtuellen Models vor. So ändert sich das Bild vom Idealkörper auch nicht. Und der Frust ist gleich doppelt da: Beim Betrachten, wenn frau sich mit den Models vergleicht, und dann im Geschäft, wenn der Bikini so gar nicht passen mag oder eben anders aussieht. Wir kommen wohl aus dem “Brigitte”-Zeitalter nicht heraus und wollen für Herrn von Schiller hoffen, dass wenigstens er tatsächlich sowohl körperlich als auch geistig frei und unabhängig war. (kfe)

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2 Responses to Tagesspruch: Von fetten Geistern und schlanken Körpern

  1. Jan says:

    Du weißt ja, wie das mit dem Wurm und dem Angler ist ;-)

  2. Pingback: Ein Mem ist ein Mem ist ein Mem #609060 | Journelle

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