ZDF is watching you: „App – der Film“ und der Second Screen

Auch auf dem eigenen iPad ist IRIS und spricht mit einem. Im Gegensatz zur Protagonistin im Film kann ich nach dem ZDF-Experiment die App aber wieder löschen. Foto: kfe

Auch auf dem eigenen iPad ist IRIS und spricht mit einem. Im Gegensatz zur Protagonistin im Film kann ich nach dem ZDF-Experiment die App aber wieder löschen. Foto: kfe

Mit „App – der Film“ wagte sich Montagabend zu späterer Stunde um 22.15 Uhr das ZDF an ein Experiment heran: Ein TV-Film, der gleichzeitig via App die Zuschauer am Second Screen (Smartphone oder Tablet) mit Handlung versorgte. Mehr noch: Der Zuschauer erhielt dadurch Informationen, die ihn in die Lage versetzten, ein bisschen mehr zu wissen als die Protagonistin des TV-Films, Anna. Nette Idee, aber leider gescheitert. Wie zuvor arte mit „About: Kate“ auch schon. Denn das, was technisch möglich ist, braucht trotzdem guten Inhalt.

Das Ziel war klar: die Zuschauer an den (ZDF-gesteuerten) Second Screen binden, denn sonst surfen die nur nebenbei beim Fernsehen oder twittern oder checken ihre Mails oder hängen in Facebook ab. Seitdem Smart-TV bei den Privaten zum Zukunftsmarkt wächst, müssen auch die Öffentlich-Rechtlichen sehen, wie sie zukunftsfähig die gute alte Glotze mit dem Internet verbinden und ihre Daseinsberechtigung in Form von guter Unterhaltung auch auf mobile Endgeräte verlängern.

Dabei ist das ZDF aber keineswegs Vorreiter. Bereits im letzten Jahr startete arte mit der von Ulmen-TV produzierten Serie „About: Kate“ ein ähnliches Experiment. Hier wurde die Serie per App und auf Facebook mit einem eigenen Profil der TV-Figur auf den Second Screen verlängert. Während der Sendung übermittelte die App Zusatzinfos, Spiele, Film-Sequenzen in großer Stilvielfalt, zusätzlich wurden die Zuschauer aufgefordert, zu fotografieren, zeichnen (das tut die Protagonistin nämlich auch) etc. und ihre Fan-Art dann zu schicken. Wer Glück hatte, kam dann mit seinem (natürlich nicht urheberrechtlich geschützten) Kunstwerk dann direkt in der Sendung vor. Das war eine sehr nette Idee und der Grad der Interaktion mit dem Zuschauer sicherlich für den Sender sehr erfreulich, um die Marke gerade bei der jungen, begehrten Zielgruppe zu stärken. Auch künstlerisch wertvoll waren beide, sowohl die Serie, als auch die Comics, Collagen und Sequenzen für die App. Vieles erinnerte an „Berlin, Berlin“ oder „Lola rennt“. Man freute sich über den Stilbruch bzw. die Stilvielfalt.

Aber leider war die Story der in einer eher wie eine psychiatrische Klinik anmutende Reha-Anstalt sitzenden Kate, die dort eigentlich erst recht krank wird, ziemlich gezwungen, die Figuren blieben meist seltsam steif, und auch die angedeuteten Liebesgeschichten der Protagonistin mit einem komischen, blasierten Mode-Ex und dem eigentlich nicht so attraktiven Pfleger waren nicht originell, sondern das hatte man besser schon bei Charlotte Roche in „Feuchtgebiete“ gelesen. Wie auch überhaupt so einiges Typisches über Psychosen, Hospitalisation und dergleichen. Alles wurde ständig pathologisiert, und man wusste nicht recht, warum. Und was dem Zuschauer vor allem bis zum Schluss verborgen blieb: Warum genau Kate eigentlich „einsaß“ und warum sie sich nicht selbst entließ, wenn sie von allen um sich so genervt war.

Noch dazu kam, dass die App nicht immer funktionierte, sich aufhängte, angab, die Serie sei noch gar nicht gestartet, man könne nicht synchronisieren oder ewig synchronisierte, so dass man leider nichts vom Second Screen hatte außer zusätzlichen Stromverbrauch.

Bei „App – der Film“ am Montag im ZDF wurde es leider noch schlimmer. Zwar klang der Inhalt des Films erst einmal gut: Eine mysteriöse, unlöschbare App namens IRIS (SIRI rückwärts – eigentlich ziemlich platt, aber gut) auf dem Smartphone übernimmt langsam, aber sicher das Leben der Protagonistin Anna, spricht mit ihr, macht selbstständig Filmaufnahmen und verschickt diese, weiß, was in der nahen Zukunft passiert und kontrolliert allerlei Leben in Annas Umfeld, leider bis hin zum Mord. Aha, dachte man, wenn ein interaktiver TV-Internet-Film mit Second-Screen-Anwendung gemacht wird, dann muss das Ganze von der Story her natürlich auch internet- und zukunftstechnologie-kritisch sein, vor allem in Zeiten von NSA und PRISM. Ein Thriller wurde versprochen, der mit Hilfe von guter Unterhaltung das aktuelle Thema IT-Sicherheit und Überwachung an den User heranbringt. Und bei all dem wollte das ZDF also, dass ich an „ihrem“ Second Screen bleibe und nicht stattdessen twittere oder was anderes mache. Digitale Bevormundung? Das war erst recht eine Herausforderung für mich.

Genug Zeit zum Twittern blieb. Nur alle 8 bis 12 Minuten passierte wirklich was auf dem Second Screen. Ganz am Anfang, nachdem eine tatsächlich täuschend echt aussehende Newssite den Tod eines Mädchen verkündet, passiert sogar so lange nichts, dass ich schon denke, das Ding ist hängengeblieben. Ich starte neu.

Nach 16 Minuten kommt endlich der erste Einspieler-Film. Naja, so spektakulär jetzt nicht, dass ich von „Wissensvorsprung“ reden würde. Wann kriege ich wohl mal die erste simulierte SMS?

Eine Minute später ist sie da. Bringt mich auch nicht sooo vel weiter als Anna im Film. Die immer noch nicht Gas gibt und irgendwie, wie aber auch alle anderen Figuren, seltsam hölzern bleibt. Seltsamerweise sieht man dem Film durch Bildsprache und Setting auch an, dass es keine deutsche, sondern eine niederländische Produktion ist. Sorgt dafür, dass ich nicht ganz so reinkomme. Und eine Story kann ich auch noch nicht groß erkennen. Wo ist die Dramaturgie? Und haben all diese Jugendlichen eigentlich keine Eltern?

23.36 Uhr. Habe irgendwie das Gefühl, über die App kommt nicht alles bei mir an. Also twittere ich mehr. Andere sind so enttäuscht, dass sie nach den ersten 15 Minuten schon wieder weg sind, von Bildschirm und Second Screen. Einer schreibt: „ZDF, so ein Müll, die App sagt mir seit 20 Minuten, der Film habe noch nicht angefangen.“ Ein anderer meint, er sterbe vor Langeweile und werde nun abschalten und die App wieder löschen. Wer als Hashtag nicht #appfilm eingibt, sondern nur #app, hat einen Thread voll mit Spam für Sex über Entfollower-Apps bis hin zu Selbsthilfe für Linkshänder.

22.39 Uhr. Komme zu dem vorläufigen Schluss, dass diese Anna ganz schön naiv ist. IRIS nervt eher, der nicht tot zu kreigende Computer HAL war damals besser. Angst kriege ich schon mal keine. Und nicht, dass ich da jetzt so viel erwartet hätte oder das gerne sehen würde, aber die Gewalt- und Sex-Szenen, vor denen mich das ZDF vorher gewarnt hat, sind ungefähr so dramatisch, als wenn sich Grobi in der „Sesamstraße“ bei einem seiner Streiche einen Fuß oder einen Finger einklemmt. Ich warte also auf das Überraschungsmoment, soll ja schließlich ein Thriller sein.

23.02 Uhr. Stattdessen kommt ein simulierter Anruf aufs iPad. Also, um einen Anruf optisch darzustellen und ein aktiv wählendes Handy-Display zu zeigen, wenn ich es doch auf dem First Screen sehe, dass der Typ mit unbekannt telefoniert – dafür braucht man jetzt so eine App nicht wirklich.

Nach dem dritten Mord wird es langsam spannend. Aber jetzt geht das Filmchen ja auch nur noch knappe 20 Minuten.

Ein Showdown. Sort of. Ein komisches Ende. Sorry, aber die Story machte keinen Sinn. Jemand lädt sich diese Anwendung aus dem Internet herunter, weil er zuerst seine Ex-Freundin damit überwachen will. Die stirbt, die Anwendung, die komischerweise auch nicht auf einem Computer installiert ist, sondern auf einem Smartphone, das dann sozusagen als Spiegel-Server dient – nicht, dass das viel Speicherplatz verbrauchen würde oder so – , ist immer noch da und wird dann eingesetzt, um den schwer verletzten Bruder der Protagonistin zu retten, der seit geraumer Zeit im Krankenhaus liegt und langsam wieder lernen muss, laufen zu lernen. Dass dabei haufenweise andere Leute getötet werden, weil die Sache aus dem Ruder läuft, nehmen die beiden bösen Herren, die es ja nur gut meinten, in Kauf. Sehr realistisch.

Dafür haben nun also drei Geräte bei mir 75 Minuten lang Strom verbraucht. Die Katze ist schon längst eingeschlafen.

23.32 Uhr. Ich lösche die App wieder.

Liebes ZDF, der Second Screen macht keinen Spaß, wenn man ihn nicht selbst aktiv nutzen kann. Form follows immer noch function, es bringt die beste technische Idee oder das tollste Format nichts, wenn man es nicht gescheit mit Inhalt füllen kann. Nicht alles, was technisch möglich ist, sollte auch gemacht werden – auch wenn das vermutlich für den Film genau die inhaltliche Botschaft an den Zuschauer sein sollte; Dagger in Griesheim lässt grüßen.

Das andere ist Interaktion: Wenn ihr neidisch seid auf die Tatort-Gucker-Bindung der ARD im Netz, dann müsst ihr euch was anderes einfallen lassen.

Kerstin Fritzsche

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One Response to ZDF is watching you: „App – der Film“ und der Second Screen

  1. Dirk sagt:

    Der Film lief zuerst in Holland im Kino und dann auf dem Fantasy-Filmfest. Das ZDF hat ihn also nur per Lizenz eingekauft und selbst keine kreativen Kräfte in die Entwicklung gesteckt. Als Genre-Beitrag ist er in Ordnung, finde ich. Aber das Second-Screen-Gedöns braucht auf diese Weise echt kein Mensch.

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