“Krautreporter”: Crowdfunding für Journalismus

Crowdsourcing und Crowdfunding werden immer beliebter und vor allem auch in Deutschland mit zunehmender Selbstverständlichkeit angewandt. Man nehme: die Macht von vielen und kleine Beträge für ein Liebhaber-Projekt. Ein bisschen Talent zum Verkaufen seiner Idee gehört außerdem dazu. Super also, wenn man sein Projekt in einem Video erklärt und die Vorstellung davon auf Kickstarter, Indiegogo und wie sie alle heißen verlinkt sowie mindestens in den Netzwerken Facebook und Twitter – und los geht der Geldregen (hoffentlich).

start_krautreporterAmerikanische Journalisten, die sich mit ihrem Projekt nicht ohnehin an eine Stiftung wie Pro Publica gewandt haben, konnten schon seit geraumer Zeit die Hilfe von spot.us (“community funded reporting”) in Anspruch nehmen. In Deutschland bedienten sich einzelne Kollegen der Crowdsourcing-Methoden, etwa finanzierte zuletzt binnen kürzester Zeit Dirk von Gehlen (jetzt.de) sein neues Buch “Eine neue Version ist verfügbar” mit ”startnext” – natürlich auch mit kräftiger Unterstützung der virtuellen Werbetrommel Twitter. Jetzt geht all das noch genauer: Vor etwas mehr als einem Monat startete mit “Krautreporter” eine Plattform, die das Prinzip nun auch auf den deutschen Journalismus anwenden will.

Die Köpfe dahinter sind der Medienberater Wendelin Hübner, Mit-Initiator der Bundesliga-Kommentar-Plattform marcel-ist-reif.de), und der Medienjournalist Sebastian Esser. Anlass war, dass die Beiden das immerwährende Lamentieren um den schlechten Zustand des Journalismus in Deutschland satt hatten, weil man dann auch von vorneherein gute Ideen und Projekte blockiert. “[Projekte auf einer spezifischen Plattform anzubieten] ist aber kein Verkaufen im klassischen Sinn, sondern eher ein Eintrittspreis zu einer Community, die sich nach einem Pitch um ein Thema, ein Projekt und einen Reporter spontan bildet”, sagte Esser zum Start von “Krautreporter” in einem Interview.

Nur 18 Tage nach dem Start hat “Krautreporter” die 10.000-Euro-Marke an Förderung geknackt. Und mit “Formosa! Das ist Taiwan”, einem Buchprojekt des Asien-Korrespondenten Klaus Bardenhagen, war bereits vergangenen Freitag (22.) das erste “Krautreporter”-Projekt komplett finanziert. Da lohnt ein genauerer Blick auf die Plattform: Was finanzieren die User mit wie viel Geld? Wer bietet was an? Zur Zeit sind neun Projekte gelistet, ganz unterschiedlicher Art, vom Buch-Projekt über eine interaktive Info-Grafik bis hin zum Film. Mit dabei ist etwa “Occupying one’s own home” von Björn Göttlicher, der einen Film über das Schicksal von Familien nach der Spekulationskrise in Spanien machen will. Für ihn zeigt sich in den bis jetzt schon 200.000 Zwangsräumungen das ganze Ausmaß der europäischen Finanzkrise. Göttlicher hat noch bis zum 10. März Zeit fürs Funding, er braucht allerdings noch mehr als zwei Drittel des gewünschten Betrags. In die gleiche inhaltliche Richtung geht auch das Projekt “Kopf oder Zahl” von Fabian Lang vom Web-Magazin “paroli” aus Wien. Er plant eine interaktive und multimediale Webdoku über die wirtschaftliche Situation von jungen Erwachsenen in Europa und braucht dafür 4000 Euro.

Gute Chancen, finanziert zu werden, hat das Wiki-Projekt “LobbyPlag”, über das bereits viel berichtet wurde. Es soll den Lobbyismus in der EU transparenter machen; konkret finanziert wird dabei eine Open-Source-Anwendung, die das möglich machen kann. Wir befinden uns hier also an der Grenze zwischen Journalismus und Netzaktivismus. Aber immerhin: Noch sieben Tage Laufzeit, 200 Unterstützer fand das Projekt schon, und es fehlen nur noch knapp 1000 Euro, das dürfte machbar sein.

Relativ neu bei “Krautreporter” mit dabei ist auch ein Volontärsprojekt eines klassischen Zeitungsverlags. Die Volontäre Michael Althaus und Anabela Brandao wollen für den schleswig-holsteinischen Zeitungsverlag, in dem die SHZ erscheint, recherchieren, wie der Norden so glaubt. Beide sind 26 Jahre und der Meinung, dass gute Geschichten Zeit brauchen. “Wie glaubt der Norden?” ist davon inspiriert, dass zwar zwei Drittel aller Erwachsenen in Deutschland Mitglied in einer Kirche sind, sehr viele sich aber von der Institution Kirche abgewandt haben, weil diese ihnen lebensfremd erscheint. Brandao und Althaus wollen dahinter blicken. Sie interessiert, wie die katholische Kirche mit ihren Missbrauchsfällen umgeht oder das Christentum generell mit dem Islam und dem Judentum, ob die Beschneidung in Islam und Judentum Kulturgut oder Verstümmelung ist und ob eine Kirche zur Moschee werden darf.

Ziel nicht erreicht
Mit dabei war auch ein südhessisches Projekt: Der Weiterstädter Politik-Student, Blogger, Ex-Stadtparlamentsmitglied für die SPD und ehemaliger freier Mitarbeiter des ECHO Julian Heck wollte sein Blog-Magazin “weiterstadtnetz” auch gerne als Print-Magazin herausbringen können. Start des Fundings via Crowdsourcing war am 7. Januar, gestern endete die Frist. Heck war nicht erfolgreich. Laut seinem Blog-Eintrag kamen nur 839 Euro zusammen, es hätten aber mindestens 1500 sein müssen. Im Netz zu bleiben, ist in so einem Fall aber sicherlich nicht das Schlechteste. Außerdem gibt es für solche sogenannten hyperlokalen Blogs bereits Hilfe im Franchise-Bereich, mit dem Istlokal-Netzwerk, einem System für genau solche Blogs, ausgehend vom ersten hyperlokalen Blog Deutschlands, dem Heddesheimblog von Hardy Prothmann.

Sind das aber nicht nur Sparten-Interessen, die da bei “Krautreporter” bedient werden? Nicht unbedingt. ”Krautreporter” sei ganz bestimmt nicht die Zukunft des Journalismus, so Esser und Hübner, aber könnte ein kleiner Teil davon sein, um Dinge zu ermöglichen, die über die “normalen” Strukturen (und damit ist sicherlich auch hier und da die Struktur von klassischen Medienhäusern und Verlagen gemeint) nicht möglich seien. ”Wir hoffen auf abgefahrene Ideen und darauf, dass Projekte entstehen, aus denen sich Journalisten künftig ihr persönliches Geschäftmodell zusammenbasteln können”, so Esser. Das Gute daran: Auch die Multiplikatoren haben im Moment viel davon. Denn Medienjournalisten und Online-Redakteure basteln sich damit neue Storys und knüpfen eventuell neue Netzwerke jenseits der bestehenden über Social Media. Man guckt hier eher über den berühmten Tellerrand und kann da auch etwas für sich entdecken und “runterbrechen”, als jeden Tag x-beliebige Lokalzeitungen zu wälzen. (kfe)

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