Die Schiedsrichter-Sprayer: eine Typologie

Schiedsrichter-Linie. Virtuell, in Darmstadt, nicht in Brasilien. Von der Autorin per Bildbearbeitungsprogramm gesprüht.

Schiedsrichter-Linie. Virtuell, in Darmstadt, nicht in Brasilien. Von der Autorin per Bildbearbeitungsprogramm gesprüht.

Die Älteren kennen das noch: wie die Lehrer uns damals in der Schule zum Schönschreiben erziehen wollten. Zu Ordnung im Heft und Gliederung mit Rand. Und was passierte dann regelmäßig nach den Klausuren? Hefte kamen zurück mit mehr Rot als schüler’scher blauer Tinte, mit ausufernden Krakeln und durchgestrichenen Sätzen, mit unleserlichen Anmerkungen quer über den ganzen Text, die einem Jackson-Pollock-Gemälde in nichts nachstanden, den verunsicherten Schüler aber nicht entziffern ließen, was denn nun seine Verfehlungen seien.
Mit den Schiedsrichtern bei der WM verhält es sich ähnlich. Im starren Reglement der FIFA, die keine Individualität zulässt, muss der Unparteiische neben den ganzen Ball- und Körperkünstlern gucken, wie er sich ausdrückt. Zu viel und zu angestrengtes Pfeifen fällt auf, die Karten in der Arschtasche sind zwar bunt, aber nicht als Gestaltungsmittel gedacht. Was tun? Zum Glück gibt es ja das Linien-Spray! Eine Typologie.
Am meisten freuen sich darüber die Künstler unter den Schiedsrichtern. Kunst hat sie schon immer interessiert, sie haben jeden einzelnen Vermeer auf der Welt persönlich besucht, ihr Haus ist komplett Mies van der Rohe, das Wochenendhaus ganz Zahra Bahia oder wie die heißt. Die Kinder tragen als Zweitnamen die Vornamen berühmter Literaturnobelpreisträger, die Ehefrau malt und bildhauert selbst. Für den Künstler ist eine Linie nicht einfach eine Linie. Akkurat muss sie sein. Höchstens am Ende darf sie ausfransen, dann aber gleichmäßig, ein farblich schattierter Übergang zum Grün des Rasens hin, nur Nuancen von Weiß-Abstufungen darf es da geben. Dafür braucht man ein bisschen, Kunst braucht eben Zeit und Entfaltungsraum. Wieso es dafür keine Verlängerung geben und sein Werk nicht erhalten bleiben kann, kann der Künstler nicht verstehen. Seine entsprechende Eingabe an die FIFA wurde komischerweise abgelehnt.
Ganz anders der Rabauke. Er lief früher immer im schwarzen Block auf jeglichen Demos mit. Die schwarze Kleidung hat er sich erhalten, den grimmigen Gesichtsausdruck, die geduckte Körperhaltung und das verärgerte Gemüt auch. Das Pyrotechnik-Verbot im Stadion ist für ihn ein Ärgernis, weiß er doch, dass nur Herr Molotov richtig gute Cocktails shaken kann. Und hey, wir sind doch in Brasilien, da gehören Drinks dazu! Seinem Druck macht er mit richtig Druck Luft. Wenn der Rabauke seine Linie oder was er dafür hält auf das Grün donnert, ja, hinrotzt, wie der Lehrer es damals formulierte, dann klagen sie in Frankfurt wieder über Fluglärm und erhöhte Ozonwerte. Auch er hatte eine Eingabe bei der FIFA laufen, auf mehr Farbdosen. Denn erstens sind die bei ihm immer so schnell leer. Und zweitens würde der ehemalige Sprayer gerne auch die Kabinen mit Graffiti verschönern. Abgelehnt.
Bleibt der korrekte Minimalist. Er toleriert die FIFA-Regeln, den meisten kann er sogar zustimmen. Nur nicht der Sache mit der Dose. Feinstaub und so, außerdem benetzt ein Hauch von Farbe auch jedes Mal sein Dress, das gibt unschöne Muster, die seine Frau nicht mehr rauskriegt, auch nicht mit Persil. Bei anderen würde das ja nichts ausmachen, die laufen mit weißer Weste und Persilschein durch die Gegend, vor allem die Funktionäre. Aber wie sieht das denn aus auf Schwarz? Deshalb sprüht er zart und vorsichtig, jeweils immer nur so viel wie nötig. Tritt ein ungeduldiger Poldi oder Bonatelli dann auf seine feine Linie, könnte er ausrasten – zum ersten Mal im Leben. Er glaubt sogar an eine Verschwörung. Das machen die doch mit Absicht! Dabei sind die Spieler doch selbst linienförmig. Kleben sich diese Tapestreifen überall hin. Unschön und unästhetisch sieht das aus, aber die könnte man doch für den Rasen nehmen. Hat er der FIFA vorgeschlagen, wurde abgelehnt. Was denn los sei, er sei doch sonst so linientreu. (Kerstin Fritzsche)

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