Die lieben Kollegen: Neu in Hamburg – und gleich gekapert

An den Medienstandort Hamburg wollen viele andocken. Foto: Kerstin Fritzsche

An den Medienstandort Hamburg wollen viele andocken. Foto: Kerstin Fritzsche

(kfe). Hamburg gilt traditionell als DER Medienstandort in Deutschland. Hier hat Axel Springer einst seine Vision einer guten Illustrierten (“Hörzu”) entwickelt, eines guten Lokalblattes (“Hamburger Abendblatt”) und einer guten Zusammenarbeit mit dem Rundfunk (“Nordwestdeutsche Hefte”, in dem Beiträge von Redakteuren des NDR-Vorgängers Nordwestdeutscher Rundfunk gedruckt wurden). Später wurde aus der erfolgreichsten Zeitung nicht das “Abendblatt”, sondern die BILD, und “Die Zeit” lief Springer in der bürgerlich bis intellektuellen Leserschaft ab den 50ern den Rang ab, später machte “Der Spiegel” vor allem im investigativen Fach Konkurrenz. Aber, wie wir heute wissen, waren die Konzepte tragfähig, immerhin ist der Springer-Konzern Europas erfolgreichster Medienkonzern. Inzwischen gehört das “Hamburger Abendblatt” zur Funke-Mediengruppe und ist nur noch wenig rentabel.

Morgen schaut alles auf das andere Hanse-Zeitungsschlachtschiff “Die Zeit”, ihres Zeichens Deutschlands erfolgreichste Wochenzeitung (naja, nach dem Einstellen der “Woche” 2002 gibt es auch keine andere überregionale Konkurrenz mehr). Denn “Die Zeit” kehrt zurück zu mehr Lokalem und veröffentlicht ab dem 3. April einen 15-seitigen Hamburg-Teil. Etwa, weil hyperlokale Blogs beispielsweise in der Berichterstattung aus der GefahrenzoneHH letztens die Nase vor den Lokalzeitungen vorn hatten? Viele Stadtteil-Themen hinten runterfielen? Schlau eingebunden sind jedenfalls auch Blogger, die ihren Mikrokosmos an Elbe und Alster auch auf “Zeit Online” bringen sollen. Mit dabei der am Mediencampus Dieburg ausgebildete Andreas Grieß. Manche wollen aber auch unabhängig bleiben und nutzen den Aufruhr geschickt als Werbeaktion für sich: Noch vor dem ersten Erscheinen wurde der Hamburg-Teil nämlich schon gleich gekapert.

Foto: kfe

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Es gibt unzählige Hamburg-Blogs, und viele von ihnen sind auch journalistisch. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Kiez-Mikrokosmos in der Freien und Hansestadt abzubilden. Weil es sonst keiner tut, jedenfalls nicht die großen Medien-Platzhirsche. Und weil diese auch zunehmend die jungen Leute nicht erreichen, die nicht nur informiert werden wollen, sondern zusammen mit Veranstaltungen und netten Kontakten auch gern ein Rundum-Coolness-Programm konsumieren. Das Blog “hh_mittendrin” erlangte Anfang des Jahres in der Branche Berühmtheit, weil dessen Redakteure die einzigen waren, die Widersprüche zwischen Aussagen der Polizei und deren tatsächlicher Arbeit vor Ort beim Einsatz der Pro-Flora-Demo auf der Schanze recherchierten und auch im folgenden, als Hamburg-Mitte zum Gefahrengebiet erklärt wurde, thematisch am Ball blieben, unter anderem mit einem Live-Ticker und einer extra für solche Fälle entwickelten App “Call a journalist”, mit der man die Mittendrinner noch weiter mittenrein rufen kann.

Etwas bekannter ist inzwischen auch das Blog “Elbmelancholie”, das vom in Dieburg am Mediencampus ausgebildeten Online-Journalisten Andreas Grieß betrieben wird. Der hat die Mutlosigkeit und Schwerfälligkeit der etablierten Medien schon oft bejammert und hält täglich den Spagat aus, zwar viel zu sagen zu haben, aber damit fast nichts zu verdienen. Diese Lebenssituation trifft nun auf die von “Zeit”-Redakteuren. Denn obwohl “Zeit”-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo betont hat, den Hamburg-Teil gebe es wegen der hervorragenden Anzeigen-Situation, werden Umfeld und die Art der Berichterstattung der jungen hyperlokalen Blogger wohl schon auch eine Rolle spielen. Denn so kommt man an neue Themen – von Journalisten, die nicht nur nah dran, sondern mittendrin sind und vielleicht auch im Gegensatz zu ihren älteren Kollegen mit gebührend Neugier und Leidenschaft an die Dinge herangehen. Jedenfalls sind nicht nur die mindestens 8 und bis zu 15 Seiten Print-Hamburg-Seiten der “Zeit” jetzt neu, sondern auch “Zeit Online” widmet sich seinem Standort und dessen Bewohnern durchaus breiter. Und siehe da: Blogger wie Andreas Grieß sind sogar eingebunden.

Die einzigen, die bei dieser neuen Medien-Liebe in der Medien-Hauptstadt nicht mitmachen (wollen oder können), sind Stadtmagazine. Und da haben Alternativen zu “Prinz” und Co. in letzter Zeit auch ganz schön den Markt belebt. Konsequent dann eigentlich, dass die Macher von “StadtlicHH” schon eine Woche vorher “Die Zeit” gekapert haben, wie sich das für gute Medien-Piraten gehört und die Aktion geschickt guerillawerbemäßig für sich nutzten:

 

Schöne neue Medienwelt also? Andere hyperlokale Blogger wie Pionier Hardy Prothmann mit seinem “Heddesheimblog” sind aus finanziellen Gründen fast schon wieder auf dem Rückzug. Auch wenn “HHMittendrin”-Chefredakteurin Isabella David und die beiden “Zeit Hamburg”-Leiter die Online-versus-Print-Kämpfe für Quatsch halten, schließlich gehe es um eine vielfältige Hamburger Medienlandschaft, – so ganz wird der Kampf um Reichweite versus Anerkennung, von Lebensunterhalt contra journalistische Freiheit und von Schnelligkeit versus Deutungshoheit wohl nicht damit abgeschafft werden können, egal, wie viele Abkommen geschlossen werden. Ist eine Koexistenz vor dem aktuell wieder aufgebrandeten Streit um den Hoodiejournalismus überhaupt möglich?

Die Konkurrenz jedenfalls schläft nicht: Das “Hamburger Abendblatt” hat ein eigenes St.-Pauli-Blog gegründet, und die taz.nord kooperiert schon längst mit “HHMittendrin”.

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2 Responses to Die lieben Kollegen: Neu in Hamburg – und gleich gekapert

  1. Guten Tag!

    “Schöne neue Medienwelt also? Andere hyperlokale Blogger wie Pionier Hardy Prothmann mit seinem “Heddesheimblog” sind aus finanziellen Gründen fast schon wieder auf dem Rückzug.”

    Interessant, wie sich ein Satz so dahin geschrieben liest. Das Heddesheimblog war vor fünf Jahren das erste Blog, dass ich als (jetzt wieder) Lokaljournalist aufgemacht habe. Mittlerweile bedienen wir 12 Gemeinden mit eigenen Ortsblogs und haben mit dem http://rheinneckarblog.de eine regionale Seite.
    Das Heddesheimblog steht auf “Pause” – wegen besonderer Bedingungen – alle andere machen viel Arbeit und am 01. April ist http://schwetzingenblog.de online gegangen.

    Gruß
    Hardy Prothmann

  2. Pingback: » Lokalblogs: Gegenöffentlichkeit oder Subunternehmertum? Wolfgang Michal

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