Contra Wohnungsnot: Guerilla-Renovieren in München

Wohnglück: Diese könnten ebenso gut eine echte Werbung für ein neues Immobilienprojekt sein. Es handelt sich aber um Satire, wie alles rund um "Goldgrund". Screenshot: kfe

Wohnglück: Diese könnten ebenso gut eine echte Werbung für ein neues Immobilienprojekt sein. Es handelt sich aber um Satire, wie alles rund um “Goldgrund”. Screenshot: kfe

(kfe). In allen Großstädten Deutschlands sind Wohnungsnot, Luxussanierungen und Gentrifizierung von ganzen Vierteln ein großes Thema, sei es die Schanze in Hamburg, das Nordend in Frankfurt, die Innenstadt-Ex-Ost-Bezirke in Berlin oder Ehrenfeld in Köln. Leerstehende Häuser besetzen war lange Zeit zumindest in Berlin und Hamburg eine Gegenaktion, jedoch haben auch Wohnungsbaugesellschaften und private Vermieter da ganz schnell keine Geduld mehr, und zack, gibt es eine Zwangsräumung. Eine Zeitlang waren sogenannte “Fette-Mieten-Parties”, in Berlin “hedonistische Wohnungsbesichtigungsrally” genannt, mal populär, bei denen man eine Wohnungsbesichtigung stürmte und eine Spontan-Party in den Räumlichkeiten veranstaltete, aber der Gag ist nach zwei, drei Mal natürlich auch weg. Und dann gibt es immer noch die Old-School-Möglichkeit, einfach auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. “Mietenwahnsinn stoppen!” heißt diese Bewegung. Freilich lassen sich vor allem private Investoren, aber auch Politiker davon nicht sonderlich beeindrucken. In München sind ein paar Leute, die sich “Goldgrund Family” nennen und auch schon mit einer fiktiven Immobilienfirma satirisch in Erscheinung traten, nun einen neuen Weg gegangen.

Sie haben, prominent unterstützt durch Münchener Kulturschaffende wie Dieter Hildebrandt, Mehmet Scholl, die “Sportfreunde Stiller”, Gerd Baumann, Fiva, “Blumentopf” und viele andere, eine leerstehende städtische Wohnung einfach selbst renoviert, um zu zeigen, dass die Stadt Geld sparen würde, wenn sie das Gebäude sowie weitere in dieser Straße renoviert anstatt abzureißen und Neubauten für mehrere Millionen Euro stattdessen hinzustellen. Es gibt sogar ein Video von der Aktion:

Die Menschen hinter “Goldgrund Family” waren bereits im vergangenen Jahr aktiv und sind durch eine satirische Aktion aufgefallen: Sie haben die Website der fiktiven Firma ”Goldgrund Immobilien” gestaltet, die nicht nur täuschend echt aussieht, sondern auch sehr realistisch vermittelt hat, dass Goldgrund mitten im Münchener Stadtteil Schwabing direkt an der Leopoldstraße für “finanzielle Highperformer” unter dem Namen “L’Arche de Munich” einen Luxus-Wohnkomplex bauen will. Dabei warfen die Macher mit reichlich nach Exklusivität klingendem Denglisch um sich – als Beispiel sei zu nennen: ”Gentle fication – unser Konzept der sanften Aufwertung”. Die Ironie verstanden wirklich nur die wenigsten – weil so ein Bauwahnsinn inzwischen leider vorstellbar ist. Bayerischer Rundfunk, “Abendzeitung”, “Süddeutsche” – sie alle berichteten und mussten einiges gerade rücken, vor allem, als die Herren und Damen hinter der Aktion auch noch Infoveranstaltungen als “Goldgrund Immobilien” durchführten und ankündigten, nach Vollendung des Wohnkomplexes an der Münchner Freiheit bereits ein ähnliches auch im ohnehin schon hochgentrifizierten Glockenbachviertel zu planen, und zwar direkt am Gärtnerplatz – wofür realistischerweise, da keine maroden Bauten da sind, bereits luxussanierte Altbauten oder das Theater am Gärtnerplatz abgerissen werden müssten. Der nächste Aufreger also. Aber auch das nicht ganz unrealistisch, entstanden doch schon 2005 mehrere Wohnkomplexe für Besserverdiener ausgerechnet entlang der S-Bahn-Linie nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt. Die Wohnungsnot in München ist eben groß, und wer kann, der investiert und kauft sich gleich was Eigenes, Lärmbelästigung hin oder her. Vermietet wird in München immer weniger, Eigentum ist in Deutschlands teuerster Stadt King. Auch die Verfasserin dieses Eintrags zahlte vorübergehend für ein 11 Quadratmeter großes Zimmer 500 Euro – was ziemlich genau die Hälfte ihres damaligen Volontariatsgehalts war.

Der einzige Satz, an dem man das Ganze vielleicht als nicht echt hätte entlarven können, lautet “Goldgrund Immobilien – Wir handeln mit Ihrem Lebensraum”. Das trifft den Kern des ganzen Wohnungsknappheit/Immobilienboom/Mieterhöhungs-Wahnsinns nämlich wirklich ausgezeichnet.

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One Response to Contra Wohnungsnot: Guerilla-Renovieren in München

  1. Also es stimmt das es in vielen Großstädten deutschlands Wohnungsnot gibt, jedoch nicht überll, ich kenne sehr wohl noch einige Großstädte wo es nicht der Fall ist.

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