Kommentar: Gut, dass Darmstadts Glocken läuten

Es ist kurz nach Mitternacht, am 11. September 2012. Bis vor wenigen Minuten habe ich auf dem Balkon den Darmstädter Kirchenglocken zugehört, die durch den Regen hindurch dumpf und traurig läuteten. Von 23.55 Uhr an. Das war die Minute, als vor 68 Jahren das große Sterben begann. Rund 10.000 Menschen, eine unglaubliche Zahl, verloren in dieser kurzen Zeit des Läutens und danach ihr Leben. Sie waren zuvor ins Bett gegangen wie wir heute, hatten noch einmal aus dem Fenster gesehen, auf die Straße geschaut, die Rolläden geschlossen oder den Spätsommerabend in ihrer Stadt genossen – der Krieg war weit.
Wenig später brannte ihre Stadt, brachen die Mauern, verlor alles seinen Halt, war der Tod mit Sirenengeheul mitten unter ihnen.
Sicher, es ist fast ein Menschenleben her, dass diese unglaublichen Dinge in unseren Straßen geschahen. Aber es ist gut, dass eine Stadt mit einem gemeinsamen Ritual wieder dem grausamsten Moment ihrer Geschichte gedenkt – und dass wir uns an diese verbrannten, erstickten, erschlagenen und zerrissenen Menschen bei Glockengeläut erinnern. Dass wir auch bedenken, wie es zu einem solchen Morden kommen konnte.
Das Läuten von Kirchenglocken war schon immer ein Signal. Für Krieg, für Frieden, für Trauer und Freude, auch eine Warnung, ein Schrei nach Hilfe. An diesem einen Abend soll es egal sein, wie lange die Nachtruhe dauert, wer morgens früh aufstehen muss, wie lange das Ganze schon her ist.
Einer der für mich eindrucksvollsten Augenzeugenberichte dieser schrecklichen Nacht erzählt, wie die Glocken von St. Elisabeth am Herrngarten durch den Feuersturm von alleine zu läuten begannen, während alles um sie herum in Flammen versank…
Es ist gut, dass der Klang aller Darmstädter Glocken heute Nacht durch den Regen wieder zu hören war, und wir so gemeinsames Erinnern dem Vergessen entgegen gesetzt haben.
Alexander Schneider

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8 Responses to Kommentar: Gut, dass Darmstadts Glocken läuten

  1. ronja says:

    wer hat denn mit den bombenangriffen angefangen? waren das nicht die deutschen? und wer war ganz vorn mit dabei bei der judenverfolgung? waren das nicht die Darmstädter? ich finde es nicht gerechtfertigt den bombenangriffen”opfern” zu gedenken, denn diese Opfer waren die Täter!

    • Christine Nungesser says:

      Wie kann man so einfach schwarz-weiß denken? Nicht alle Deutschen waren Nazis. Mein Vater war minderjährig bei Kriegsbeginn, konnte nach dem Krieg mit seinem Notabitur nichts mehr anfangen, hat in seinem ganzen Leben nie einen einzigen Schuss abgegeben. Mein Opa war stets liberal gesinnt, hat weder am 1. noch am 2. Weltkrieg teilgenommen. Bei einem Krieg gibt es immer auf beiden Seiten unschuldige Opfer: Mütter, Kinder, alte Menschen, Menschen im Widerstand, eben die Zivilbevölkerung. Und es macht immer Sinn daran zu erinnern, dass einem der Tod zu jedem Zeitpunkt des Lebens plötzlich treffen kann, mit vielen anderen Menschen, die das gleiche Schicksal teilen. Und da spielt es keine Rolle, ob Glocken läuten oder der Muezzin ruft, um daran zu erinnern, dass man nicht Herr über Leben und Tod ist.

  2. Eyleen says:

    Ich kann dem nichts GUTES abgewinnen – Im Gegenteil.

    Ganz davon abgesehen, dass es viel wichtigere Gründe geben würde solches umzusetzten,
    die meisten Bürger sind Nachts aus dem Schlaf gerissen worden OHNE dessen Hintergrund zu kennen.
    Wie eingehend beschrieben, das Geläut als Signal. Dies hat in mir Angst eingeflösst

  3. Eyleen says:

    Der Sinn dessen ist primär verfehlt!

  4. Denker says:

    Dieses darmstädter Gedenken lässt mich nachdenklich werden.
    Ich kann und will Opfer der jeweils anderen Seite nicht verrechnen! Für mich gehört bei solch einem “Gedenken” auch immer das Gedenken an die Verstorbenen der anderen Seite. Sonst – man möge es mir nachsehen – hat es für mich den Anschein, als würde nur einen Teil der grausigen Misere öffentlich betrachtet

  5. tina says:

    sicher, die deutschen haben den krieg verursacht und dafür gibt es keine entschuldigung … aber kriegsverbrechen unter dem label “moral bombing”?? die alliierten hätten sicher besser daran getan, die eisenbahnstrecken zu den vernichtungslagern zu zerstören …

  6. Lena says:

    Wie schon beschrieben sind Kirchenglocken ein Signal. Und wenn man mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wird denkt man sicherlich nicht an Frieden.
    Ich selbst bin vor Schreck aus dem Bett gesprungen und hatte schreckliches Herzrasen heute Nacht.
    Sicher vor 68 Jahren hatten die Menschen auch Angst. Aber es gibt sicherlich bessere Methoden den Opfern von damals zu gedenken als eine ganze Stadt unvermittelt aus dem Schlaf zu reißen.

  7. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Luftangriff_auf_Darmstadt
    Dieser Angriff damals galt der Zivilbevölkerung. Ich gedenke damit auch den Opfern von Coventry und New York.

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