Von WinDoze und DISTEL

Clubraum des DISTEL Mailbox

Clubraum des DISTEL Mailbox

In den Hochhäusern der damaligen Ingenieursakademie gab es auf jedem Zimmer Telefone – für damalige Verhältnisse purer Luxus. 1992 wollten die Studenten in Dieburg den nächsten Schritt in Sachen Kommunikation tun und gründeten den Mailboxclub DISTEL. Die Gruppe setzte sich für den technischen Fortschritt am Campus ein und legte der Hochschulleitung konkrete Vorschläge zur Verbesserung der elektronischen Kommunikation vor. Das Campusmagazin SPEED berichtete zu dieser Zeit oft über den Kampf um den technischen Anschluss.

Ein Internetzugang ist heute selbstverständlich. Praktisch jeder hat einen. Ob im Haus oder unterwegs – überall und immer online zu sein, ist für die meisten von uns selbstverständlich. Das Internet begann als militärische Einrichtung in den 1960ern und wurde im folgenden Jahrzehnt von großen Universitäten, vor allem in den USA, genutzt und erweitert. An Universitäten weltweit entstanden E-Mail-Gruppen, in Deutschland wurde das MausNet für Apple-Benutzer populär. Doch erst mit der Erfindung des World Wide Web 1989 und der Einführung von Browsern 1993 wurde einer breiten Nutzung des Internets der Weg geebnet.

Home Buttons der SPEED

Home Buttons der SPEED

Am Campus Dieburg war der DISTEL-Mailbox-Club die treibende Kraft. Von den Studenten wurden Ideen und Konzepte bei der Hochschulleitung eingereicht, um die Erreichbarkeit aller Studenten und Mitarbeiter zu verbessern. Als Microsoft 1995 “Windows 95” veröffentlichte, wollten die Dieburger Studenten nicht abgehängt werden.

Im Campusmagazin SPEED hieß es 1996:

Nachdem an der FH Dieburg schon seit ewigen Zeiten ein Mangel an weltweiter Kommunikation herrschte, entschloss sich Ende 1994 der MailboxClub DISTEL, dem ein Ende zu setzen. In vielen Stunden wurde eine Verbindung ins Internet gezimmert, die vorerst nur Mail und News beinhaltete. Diese Verbindung ins Usenet war für gut 2 Jahre die einzige Möglichkeit der Studenten, mit dem Rest der Onlinewelt in Kontakt zu treten (…). Erst als wieder von studentischer Seite ein Konzept für einen Internet Zugang der FH Dieburg ausgearbeitet wurde, konnte dieser Anfang 1996 verwirklicht werden.

SPEED Logo

SPEED Logo

Zu dieser Zeit war die Post bereits privatisiert, und die Studenten zweifelten, ob der Zugang über die Telekom weiterhin kostenlos bleiben würde. Oft gab es zu dieser Zeit nach dem charakteristischen Modem-Pfeifen nur ein Besetztzeichen zu hören. Von den mehr als tausend Studenten teilten sich ein paar Hundert User eine Handvoll Leitungen. Die Bandbreite lag in den Neunzigern bei 64kBit – für alle Anschlüsse zusammen.

In der SPEED hieß es dazu:

Und damit sind wir schon an einem der Hauptkritikpunkte unseres Internet-Anschlusses angelangt: dem Bandbreitenproblem. Wer schon öfters “gesurft” ist, also sich durch die bunte Bilder-Welt des World Wide Web gehangelt hat, weiß ein Lied davon zu singen, dass Internet doch auch ziemlich viele Nerven rauben kann, da man einen Großteil der Zeit am Rechner mit Warten verbringt, bis einem die gewünschte Information geliefert wird. Doch hier Abhilfe zu schaffen, dürfte kaum möglich sein. Hauptgrund für die oft nur unzureichenden Übertragungsgeschwindigkeiten ist nicht, wie von vielen vermutet, der “Flaschenhals” des WAN-Zugangs  (Anm. der Redaktion: Wide Area Network), sondern die zunehmende hoffnungslose Überlastung der Internet-Backbones.

Viele Studenten fragen sich auch, wofür haben wir Internet überhaupt? Wenn man nämlich versucht, sich zu einer humanen Uhrzeit (sagen wir werktags nachmittags) im Modempool einzuwählen, dann bekommt man nämlich statt vieler bunter Icons lediglich einen ernüchternden Besetzt-Ton. Was auch nicht verwundert: ein paar hundert Studenten müssen sich nur 4 Leitungen teilen.

Das damalige Campusmagazin SPEED wurde auch per E-Mail verschickt und bot detaillierte Anleitungen, um sich ins Netz einzuwählen. Das war mitunter langwierig: Die notwendige Zeit von Beginn der Einstellungen bis hin zum erfolgreichen Einwählen wurde auf 30 Minuten geschätzt. Die Anleitung zieht sich über vier Seiten – statt von Windows wird von “Windoze” geschrieben – weil die Software so schläfrig war.

Aus der SPEED 1996:

Internet-Zugang mit Windoze95:

Oberflächlich gesehen ist Windows95 ein 32Bit-Betriebssystem. Daher sollte man dies auch nutzen, zumal 32-Bit Clients (z.B. NetESCape, FTP-Clients usw.) oft stabiler und schneller sind, als ihre 16Bit-Vorgänger für z.B. Windows 3.11.

Grundlage für die Kommunikation bildet eine Library namens WINSOCK.DLL, welche glücklicherweise bei Win95 gleich als 32-Bit Version mitgeliefert wird. Damit können sogar die ‘alten’ 16-Bit Programme kommunizieren, umgekehrt jedoch ist dies nicht der Fall (was bei T-Online dank 16-Bit DLL z.B. noch dazu führt, dass bei Anwahl über T-Decoder keine 32-Bit Browser verwendet werden können).

Die nachfolgende Beschreibung ist sehr ausführlich. Sicher hätte man sich auch einige Erläuterungen sparen können, dies birgt jedoch die Gefahr, dass Fehler gemacht werden. Und diese haben den meisten von uns, gerade unter Windows, schon genügend Zeit und Nerven gekostet.

Das damalige Rechenzentrum der Hochschule

Das damalige Rechenzentrum der Hochschule

Um mit dieser Beschreibung glücklich zu werden, benötigt man u. a.:

  • Internet-Zugang mit Windoze95
  • Ein funktionstüchtiges Modem
  • Benutzername und Passwort vom RZ bzw. HuP-Amt
  • Etwa eine halbe Stunde MEZ

Zwar ist der LAN-Zugang über das h_da Netzwerk heute relativ problemlos, aber die WLAN-Einstellungen stehen den LAN-Anleitungen aus den Neunzigern in nichts nach. Wenn selbst die Laboringenieure irgendwann kapitulieren müssen, falls Studenten mit ihren Windows-Laptops einfach keinen Zugang zum Netz bekommen, dann fühlt man sich ein bisschen wie in alte Zeiten zurückversetzt. Beeindruckend im Vergleich zu Windows: Android. Einfach den h_da Benutzernamen und das Passwort eingeben und man ist im WLAN-Netz der h_da. Mit den meisten Smartphones sind Benutzer des Hochschul-WLANs schon längst im Netz, während sich Windows-Nutzer noch die Anleitung durchlesen müssen oder Zertifikate runterladen – natürlich zuhause.

Text: Marco Wandura
Fotos: SPEED
Mit herzlichem Dank an Jochen Dony

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