Von Wählscheiben und grauen Mäusen

Das von Peter Heinrich geborgene Telefon

Telefone gehörten zum Alltag an der Ingenieursakademie. Nicht nur im Studium, auch in den Wohnheimen spielten sie eine große Rolle. Dabei war bei Eröffnung des Campus Dieburg ein eigenes Telefon für die Studierenden noch etwas sehr Besonderes.



Es wirkt verloren auf dem Schreibtisch, der mit Laptops und Drucker übersät ist. Wie ein Relikt längst vergangener Zeit. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass das Rattern der Wählscheibe überall zu hören war. Ein paar Kratzer hat es erlitten. Die Gummifüße, auf denen es über 40 Jahre lang stand, sind hart und bröckelig geworden. Aber alles in allem macht die alte Dame keinen so schlechten Eindruck. Der Hörer liegt fest auf der Gabel, die hellen Hör- und Sprechmuscheln haben ihre weiß-gräuliche Farbe behalten. Das Kabel zum Gehäuse kringelt sich noch immer ordentlich. Wenn dieses Telefon sprechen könnte, es hätte sicher eine Menge zu erzählen.

Der Fernsprechtischapparat (kurz: Fetap) 612 ist grau. „Kieselgrau“ lautet die offizielle Bezeichnung. Das war die Standardfarbe für das Standardtelefon der Siebzigerjahre. Über 20 Millionen Telefone dieser Serie ließ die Deutsche Bundespost produzieren – und stattete auch die Wohnheime in Dieburg damit aus. Mitte der Sechziger hatte nur jeder fünfte Privathaushalt in Deutschland einen Telefonanschluss. Ein eigenes Telefon im Zimmer war somit für die Studierenden in Dieburg schon fast Luxus.

Auch wir fanden noch Telefone in manchen Zimmern vor

Auch wir fanden noch Telefone in manchen Zimmern vor

„Nach draußen telefonieren konnte man vom Zimmer aus allerdings nicht“, erklärt Wolfgang Söll, „das halbautomatische System ließ nur Anrufe von außen nach innen zu.“ Söll weiß, wovon er spricht. Über 30 Jahre lang war er selbst Professor am Campus Dieburg. In dieser Zeit unterrichtete er nicht nur viele Studierende. Es gelang ihm auch, eine große Sammlung elektrischer Geräte zusammenzutragen. Eine Vitrine widmet sich natürlich auch den Telefonen. Neben einigen Exoten findet sich hier auch ein Fetap 612 – und daneben einige bunte Stoffhüllen. Diese sogenannten “Brokathauben” gab es in den verschiedensten Farben. Beliebt waren zum Beispiel florale Muster mit gehäkelten Bordüren. In der Vitrine fällt vor allem ein Modell ins Auge: eine purpurrote Samthülle mit goldenen Borten. „Vielen Leuten wurde das ‚kieselgrau’ zu langweilig, darum kamen irgendwann diese Hüllen in Mode“, erzählt Söll. Auch einige Studierende hätten sie genutzt, obwohl es eigentlich verboten war. „Wenn die Hüllen ein wenig verrutschten, lag der Hörer nicht mehr korrekt auf der Gabel und es gab ein ständiges Besetzt-Zeichen,” erklärt er, “Das war bei der Post natürlich nicht gerne gesehen.”

Wollten die Studierenden selbst jemanden außerhalb des Campus anrufen, konnten sie die öffentlichen Fernsprecher – so der damals offizielle Name für Telefonzellen – nutzen. Diese gab es in jedem Haus. Innerhalb des Campus konnte kostenlos und rund um die Uhr miteinander telefoniert werden. Das wurde nachts gerne ausgenutzt, um „Telefonbingo“ zu spielen. Dieses in Dieburg erfundene Spiel funktionierte abends, sobald im Nachbarhaus alle Zimmer dunkel waren: Durch Anrufe versuchte man, die im gegenüberliegenden Haus Schlafenden dazu zu bringen, das Licht anzuschalten, um ans Telefon zu gehen. Wer zuerst vier Fenster in einer Reihe zum Leuchten brachte, hatte gewonnen. Möglich wurde dieses Spiel auch dadurch, dass die vierstelligen Zimmernummern den jeweiligen Telefonnummern entsprachen.

Bis 1972 wurde der Fetap 612 nur in grau produziert – was ihm einen kuriosen Spitznamen einbrachte. „Wir Sammler nennen das Gerät ‚die graue Maus’“, berichtet Peter Heinrich. Der Dieburger beschäftigt sich in seiner Freizeit viel mit alten Telefonen. Eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Mäusekopf kann das Telefon tatsächlich nicht abstreiten. Zumindest die runden Hör- und Sprechmuscheln sehen ein wenig wie Ohren aus. In jedem Fall hat sich diese Telefon als sehr robust erwiesen. „In der Regel waren noch bis zum Ende der Telekom-Hochschule diese Apparate auf den Zimmern“, erzählt Heinrich, „sie ließen sich sehr leicht reparieren, weil fast jedes Teil austauschbar war.“

Erst im Frühjahr, kurz bevor der Abriss begann, hat Peter Heinrich noch einige Telefone aus den Wohntürmen bergen können. „Die sind nach einer kleinen Reinigung noch voll funktionsfähig“, versichert er. Eines davon steht nun auf seinem Schreibtisch – der Fetap aus Zimmer 8102.

Text: Lisa Bredenbals
Fotos: Lisa Bredenbals und Marco Wandura

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