Von Klappbetten, Kabeln und Computern

Klapptisch

Ein Blick in Peter Stumpes altes Wohnheimzimmer

Die 90er Jahre waren eine kreative Zeit für die Nachrichtentechnik- studenten in Dieburg: Sie bastelten sich erste Computernetzwerke und Hochbetten für die kleinen Wohnheimzimmer. Peter Stumpe berichtet vom Aufbruch ins Internetzeitalter in den Wohntürmen.

„Das war eine sehr aufregende Zeit!“ So beginnt Peter Stumpe, von seinen Erinnerungen an die Wohntürme zu erzählen. Damals, als das Internet noch ganz am Anfang stand, bauten die Studenten ein Computernetzwerk auf. „Das Netzwerk war klasse! Irgendjemand hatte einen zweiten Rechner, der musste dann als Router immer an bleiben.” Aber weil man Daten mit Koaxialkabeln nur ein paar Meter weit übertragen kann, konnten ein paar Zimmer nicht mit ins Netzwerk. “Dank des Router-PCs haben wir uns allerdings mit dem Stockwerk unter uns verbunden – die zwei Fenster konnten wegen des Kabels dann nie wieder richtig geschlossen werden.“ Auch den Heimleiter Lothar Ziemendorf hängten sie mit an das Netzwerk. Über die Mailbox Distel war er oft besser erreichbar als übers Telefon.

Schreibtisch

Stumpes damaliger Schreibtisch

Das Telefon war ohnehin so eine Sache. Jedes Zimmer hatte ein Telefon, mit dem man allerdings nur innerhalb der Wohntürme anrufen konnte. Auf manchen Stockwerken gab es auf dem Gang ein Telefon mit Amtsanschluss. Zu den Stoßzeiten mussten die Studierenden hier anstehen, um telefonieren zu können. Sich einen Amtsanschluss aufs Zimmer legen zu lassen, war zwar möglich, aber teuer. In den meisten Fällen sogar so teuer, dass es billiger war, sich in den frühen 90er Jahren ein Handy zu kaufen. “Das war das erste Handy von e-Plus”, erinnert sich Stumpe, “damit war man der Held.”

Aber nicht nur die neuen Wege der Telekommunikation reizten die Kreativität der Studenten. Wer auf dem begrenzten Platz in seinem Wohnheimzimmer mit der Standardeinrichtung nicht zufrieden war, musste experimentieren. Besonders beliebt waren Hochbetten:

Hängebett

Das Klapphochbett - an Ketten aufgehängt

„Die meisten haben sich Hängehochbetten mit Gegengewichten gebaut. Die konnte man dann bis unter die Decke hochziehen“, erklärt Stumpe, „Meins war aber fest an der Wand. Das konnte man dafür hochklappen. So war auch immer ganz schnell aufgeräumt.“ Das Baumaterial bekamen die Bastler unter anderem bei der Renovierung der Bibliothek, sagt Stumpe. „Da fand man immer mal ein paar Bretter. Die waren richtig dick und haben ganz schön was ausgehalten.“ Kreativ mussten die Studierenden aber auch beim Bohren sein, das war offiziell nämlich verboten. „Man durfte alles am Zimmer verändern, aber nicht bohren. Wir haben dann halt gebohrt, wenn wir dachten, dass der Heimleiter nicht da ist. Zu den unmöglichsten Uhrzeiten.“

Manche Leute verbinden die 90er-Jahre mit Nirvana und Grunge-Look, für die Turmbewohner waren es Jahre voller Erfindungsreichtum und Computernetzwerken.

Text: Sophia Naas
Fotos: privat

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2 Antworten auf Von Klappbetten, Kabeln und Computern

  1. Michael Dirks sagt:

    Moin Moin! Seit gestern wird Haus 6 eingerissen! Schrecklich! Ich kann mir diese sinnlose Zerstörung kaum anschauen, muß aber leider täglich daran vorbeifahren. Nun ja, irgend Jemand wird sich an den neuen Grundstücken schon noch dumm und dämlich verdienen. Billig sollen sie ja nicht gerade sein. Das ist leider der aktuelle Trend. Bewährtes abreißen und neuen Müll teuer zu verkaufen.

    Verreckt an Eurem Geld!

  2. Hallo,
    ich finde die Bemerkung von Michael, dass der Abriss von „mit anzunehmenden geistig minderbemittelten Bedienern“ ausgeführt würde, etwas sehr arrogant gegenüber den Menschen, die die Aufgaben ausführen, die Ingenieure (Nachrichtentechnik oder Hochbau, etc.) geplant haben.

    Es war eine sehr schöne Zeit in den „Wohntürmen“, in der wir uns seit 1968 und 1969, etc. das „absolut durchdachte Freizeitangebot“ nach und nach selbst erarbeitet haben. Allerdings waren auch schon damals gewisse bauliche Einschränkungen feststellbar. Andererseits war es gegenüber den vorherigen Wohnverhältnissen ein schöner Fortschritt.
    Irgendwann sind Gebäude, die auf die minimale Zweckmäßigkeit ausgerichtet sind, wohntechnisch völlig überholt, die ursprünglichen Genehmigungsvorgaben (Brandschutz etc.) nicht mehr zeitgemäß und stark nachbesserungswürdig. Die Behörde/Unternehmen konnte und wollte für eine eigene Hochhochschule in Dieburg keine weiteren Finanzmittel mehr ausgeben. Die Nachwuchssuche hatte schon in den Jahren zwischen Gründung und Übergabe an das Land Hessen ihr auf und ab.

    Den Blick auf den Frankfurt und den Taunus kann man auch von diversen Aussichtspunkten des vorderen Odenwaldes genießen, sogar mitten aus Weinbergen. Dieburg wird allerdings dann von den Höhenlagen Frankfurts nicht mehr so leicht zu finden sein, ist halt eine Kleinstadt von vielen vor dem Odenwald.

    Es werden übrigens nach Abriss der Hochhäuser Grundstücke verkauft und die Käufer bauen dann in gewissen baulichen Rahmen nach ihren Vorstellungen und keinen „Müll“.

    Michael
    ich finde, dass sich Deine Bemerkung von 09.08. „Verreckt…“ auf allertiefsten Niveau befindet.

    Ich fahre unregelmäßig an der IngAk vorbei um mir die Veränderungen anzusehen und zu dokumentieren.

    Viele Grüße
    Werner,
    Erstbewohner 7104 und Co-Moderator der XING Alumni-Gruppe FH Dieburg

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