Turmbewohner erinnern sich: „Sonntags sperrten die Dieburger ihre Töchter ein“

Raimund Turnwald 1978 in seinem alten Studentenzimmer

Raimund Turnwald studierte als einer der Letzten Nachrichtentechnik an der Postfachhochschule Dieburg. An die lustigen Anekdoten aus dem Studentenalltag und die mehr oder weniger heimliche Wohngemeinschaft mit seiner heutigen Ehefrau erinnert er sich noch immer gerne zurück.

Aus den Lautsprechern des Fernsehers ertönen Klänge wie aus einem Rosamunde-Pilcher-Film. Auf der Mattscheibe ist gerade eine hübsche junge Frau zu sehen, die durch eine Parkanlage schlendert, im Hintergrund die Wohntürme der Post Fachhochschule in Dieburg. „Wir wollten damals einen typischen Tag in Dieburg festhalten. Ich habe das noch mit einer Super-8-Kamera aufgenommen und vor kurzem auf DVD überspielen lassen. Das muss so ´78 gewesen sein, als Raffaella und ich zusammen in Dieburg gewohnt haben. Oder besser gesagt: Sie mich besucht hat.“, erzählt Raimund Turnwald. „Offiziell durfte ja niemand bei uns übernachten. Aber die Regel hatte ein Schlupfloch. Besuch durften wir rund um die Uhr empfangen.“

Die hübsche junge Frau vom Video ist heute Turnwalds Ehefrau. An die gemeinsame Zeit in Dieburg denken sie beide gerne zurück . „Als die Studentenzahlen dann irgendwann abnahmen, hatten wir fast ein ganzes Stockwerk für uns alleine. Plötzlich mussten wir uns nur noch mit vier bis fünf anstatt 30 Mann eine Gemeinschaftsküche teilen“, erinnert sich der ehemalige Student. So seien die Flure auch ab und zu in Fußballfelder verwandelt worden. „Wir haben die üblichen Dummheiten gemacht, die man in diesem Alter eben so macht.“ Nur das Zimmer sei für zwei Personen auf Dauer etwas eng gewesen. „Wir hatten knapp 18 Quadratmeter zur Verfügung. Einen Schreibtisch, einen Schrank, eine Waschgelegenheit, einen Fernseher mit Wurfantenne und ein Bett. Ein Einzelbett natürlich.“, bemerkt Turnwald.

Neben den sogenannten Semestergemeinschaften, die in den gleichen Häusern wohnten und auch gemeinsam studierten, bildeten sich mit der Zeit auch weitere Freundschaften heraus. So wie die „BröHoG“. „BröHoG steht für „Brötchen-hol-Gemeinschaft“. „Wir waren fünf Leute aus verschiedenen Häusern und wir wechselten uns ab, wer Brötchen holen oder Frühstück machen muss. Oder wir stimmten darüber ab, ob wir in die Vorlesung gehen oder lieber zum Oberwaldhaus fahren und Minigolf spielen“, erklärt Turnwald. Haus 8 sei damals das wildeste gewesen. Dort habe sich auch der Partyraum befunden, in dem man regelmäßig ordentlich gefeiert habe. Dass die jugendliche Freude nicht immer von jedem geteilt wurde, weiß auch der ehemalige Nachrichtentechnik-Student. „Die Heimleitung in den jeweiligen Häusern war nicht sonderlich begeistert, wenn plötzlich ein ganzes Stockwerk unter Wasser stand oder mit Feuerlöschern in Schaum gelegt wurde.“ So sei auch einmal eine Antenne im Verlauf einer feuchtfröhlichen Nacht vom Dach verschwunden. „Außerdem hat man sich erzählt, dass die Dieburger Angst um ihre Töchter hätten. Immerhin waren wir damals 1.200 männliche Studenten. Es hieß immer: Am Sonntagabend, wenn alle Studenten wieder nach Dieburg zurückkommen, sperren die Dieburger ihre Töchter ein.“

Dass er sich mit seinem Studium etwas mehr Zeit gelassen hat als andere, bereut er rückblickend nicht. „Ich war damals politisch sehr engagiert. Da ist das Studium ab und zu auf der Strecke geblieben.“ Dafür habe er bei seiner Arbeit in der Studentenorganisation aber viele andere Dinge gelernt, die ihm noch heute im Beruf nützlich seien. Auch in Dieburg war zu dieser Zeit das politische Interesse der Jugend zu spüren. „Wir haben 1976 zum Beispiel die Mensa bestreikt, weil sie die Preise erhöhen wollten. Damals haben wir kurzerhand eine eigene Essensausgabe organisiert und uns so selbst versorgt“, erzählt Turnwald. „Zwischen 1976 und 1978 gab es auch einmal eine Großdemo quer durch Dieburg, weil die Post die Miete für die Wohnheime von 69 auf 105 D-Mark erhöhen wollte.“

Innerhalb der letzten Semester seiner Studienzeit seien die Regeln rund um das Studium und die Wohnheime ständig geändert worden. So wurde die anfängliche Verpflichtung, nach dem Studium für eine festgelegte Zeit bei der Post zu bleiben, aufgehoben und die Studenten für den offenen Arbeitsmarkt freigegeben. „So ist natürlich die Sicherheit, die man am Anfang des Studiums hatte, ins Wanken geraten“, erinnert sich Turnwald. Dennoch hätten viele sehr schnell andere Angebote bekommen. „Doch so gut wie niemand ist tatsächlich im technischen Bereich gelandet.“

Raimund Turnwald ist nach dem Studium zwar bei der Telekom geblieben, dort arbeitete er jedoch im Vertrieb – bis heute. Vom geplanten Abriss der Wohntürme und der gemeinsamen Begehung durch ehemalige Bewohner hat er erst spät erfahren. „Ich hätte mir gerne noch einmal mein Zimmer und den Gemeinschaftsraum angesehen. Und mein Türschild hätte ich auf alle Fälle mitgenommen“, sagt er. Vor ein paar Wochen sei er zusammen mit seiner Frau Raffaella noch einmal nach Dieburg gefahren und habe sich die Baustelle von außen angesehen. „Das war ganz schlimm, wir waren richtig erschrocken. Dort sieht es ja mittlerweile aus wie in einer Geisterstadt.“


Text: Laura Engels
Fotos: Privat

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2 Antworten auf Turmbewohner erinnern sich: „Sonntags sperrten die Dieburger ihre Töchter ein“

  1. Erich sagt:

    Hallo, ich war einer der ersten . Wir haben am 16. September 1968 die Ing Ak wie sie damals hiess “aufgemacht”. Es war alles super, alles neu, an Wohnhäusern stand nur Haus 8, die anderen waren alle noch im Bau. Habe allerdings nur 1 Jahr im Haus 8 gewohnt, habe dann einen “Lagerkoller” bekommen. Mit dem Damenbesuch war es etwas schwieriger:
    meine damalige Verlobte (seit 42 Jahren Ehefrau) musste als Besuch angemeldet werden, natürlich nur tagsüber , und dann erschien der Heimleiter Herr Cultus : er klopfte an und fragte nach einer Scheibe Brot ( Kontrollbesuch). 1969 wollten wir dann eine Wohnung in Gundernhausen anmieten : das ging aber nur nach einer Heirat, da an unverheiratete Paare nicht vermietet wurde.
    Zu dem “Töchter einsperren” eine andere Anekdote: wir hatten eine Versammlung mit Vertretern der Dieburger Bürgerschaft und hatten uns darüber beschwert dass in Dieburg “tote Hose” war, viele von uns kamen aus Grossstädten, da sagten die Dieburger : wartet mal auf Fasching, da kam von einem Studenten die Frage: Wieso, ist dann Brunftzeit?.
    Ich habe leider zu spät erfahren, dass man die Wohnhäuser noch einmal besuchen konnte und sich Andenken mitnehmen konnte, hätte ich auch gerne gemacht.

  2. Ein schöner Bericht; da kommen wieder Erinnerungen auf.
    Ich war als “freier” Student von 78-82 in der FH-DIB und kann
    das Geschilderte nur bestätigen. Hat Spass gemacht in Diebung!
    Ich werde in Kürze einen Bericht von “unserer” Zeit mit einigen
    Fotos einstellen!
    Tschau Peter

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