Turmbewohner erinnern sich: „Es war der Campus, der so gelebt hat“

Kirsten Krämer

Die Diplom-Ingenieurin Kirsten Krämer gehört zu den wenigen Frauen, die am ehemaligen Post-Campus in Dieburg studiert und auch gelebt hat. Die vier Jahre Studienzeit sind ihr lebendig in Erinnerung geblieben und sie weiß noch genau: Ihr Studium bestand nicht nur aus Lernen und Vorlesungen.

Von 1990 bis 1994 studierte Kirsten Krämer Nachrichtentechnik am damals als „Ing-Ak.“ bekannten Post-Campus in Dieburg. Als eine von wenigen weiblichen Studenten verrät sie, dass es manchmal echte Vorteile hatte, eine Frau zu sein. „Ich habe auch nur ein Zimmer bekommen, weil ich eine Frau war“, ist sie sich sicher. Obwohl sie hätte pendeln können, bekam sie einen der begehrten Wohnplätze – Männer aus ihrem Jahrgang hatten es da schwerer. Sie war froh, eines der Zimmer am Campus in Dieburg beziehen zu dürfen: „So konnte man die Leute besser kennenlernen.“

Dabei waren die damaligen Wohnbedingungen nicht gerade die besten. Ihr ungefähr 13 Quadratmeter kleines Zimmer bezog Krämer zu Studienzeiten in Wohnhaus 7. Dort gab es insgesamt zwei abgetrennte Frauenstockwerke; im ersten und im zweiten Stock. „Männlein und Weiblein waren streng getrennt“, lacht sie. Um den Platz in den kleinen Zimmern bestmöglich zu nutzen, hatte fast jeder ein Hochbett und darunter einen Schreibtisch. „So versuchten alle immer, ihr Zimmer größer zu machen.” Außerdem mussten sich auf jedem Stockwerk immer 30 Leute Toiletten und zwei Bäder teilen. „Heute würde keiner mehr so wohnen wollen“, ist Krämer sich sicher.

Wie ein kleines Dorf

Doch nicht nur die kleinen Zimmer betreffend waren die damaligen Studierenden genügsam. Denn in Dieburg, so Krämer, sei damals „tote Hose“ gewesen. Ein ehemaliger Studienkollege von ihr pflegte immer zu sagen, dass Dieburg nur halb so groß sei wie der Friedhof von Manhattan, aber dafür doppelt so tot. Demnach fand das Studentenleben zum größten Teil auf dem Campus selbst statt, der wie ein kleines Dorf war. Denn nicht nur die Vorlesungen wurden als Gemeinschaft besucht. „Wir haben die gesamte Freizeit zusammen auf dem Gelände verbracht“, erinnert sich Krämer.

So habe es den Fitnessraum, die Sporthalle, das Schwimmbad oder die grüne Anlage mit dem kleinen See hinter Haus 8 gegeben. Und wenn nicht gerade Kino, Theater oder die Diskothek „Steinbruchtheater“ außerhalb des Geländes als Freizeitprogramm anstanden, verließen die Studierenden den Campus nur zum Einkaufen – „Natürlich beim Edeka direkt um die Ecke.“ Weiterhin gab es auf jedem Stockwerk einen Gruppenraum, in dem man nicht nur zusammen gelernt, sondern auch Fernsehen geschaut oder getrunken hat. „Sonntags habe ich oft mit einem Kollegen Lindenstraße gesehen und Batida-Kirsch getrunken“, plaudert sie. Wie sie so etwas trinken konnte, versteht Krämer heute nicht. Wieder andere Abende verbrachte man mit Feiern. „Es gab Stockwerke, die waren berühmt dafür, dass da immer Party war“, berichtet sie. Zudem gab es noch die hauseigene Diskothek „Druckwelle“ in Haus 8 und die „Teestube“.

Laut lachen muss Krämer auf die Frage nach dem „Hochhausbingo“. „Ja natürlich, das war immer ganz gemein!“, erinnert sie sich an die Jungenstreiche. Sie erklärt, dass die Studenten aus Haus 8 nachts immer auf den Balkonen gestanden und geschaut hätten, welche Mädchen aus Wohnhaus 7 zuerst das Licht anmachten, wenn man sie anrief. Glücklicherweise hat sie selbst auf der gegenüberliegenden Hochhausseite gewohnt und ist so von den Scherzen verschont geblieben. Dafür erinnert sie sich spontan an eine andere Anekdote aus Studienzeiten: Ihre „Stockwerktaufe“. Wie Krämer erläutert, war die Stockwerktaufe die rituelle Aufnahme von Neulingen durch andere Bewohner der selben Etage, wobei jedes Stockwerk ganz eigene Rituale hatte. Sie sei damals in einer vollen Badewanne gelandet. Andere habe es da aber noch viel schlimmer erwischt. So mussten einige Anwärter beispielsweise selbst angesetzten Knoblauchschnaps trinken.

“Die Ingenieure haben doch alle einen Schlag weg!”

Auch wenn das damalige Studentenleben am Campus alles andere als langweilig war, gab es doch ein absolutes Highlight, das von allen gleichermaßen sehnsüchtig erwartet wurde: Das Waldfest. „Neben Haus 8 wurden Zelte aufgestellt, Livebands traten auf und dann wurde drei Tage lang durchgefeiert.” Krämer kann sich noch an den damaligen Ohrwurm erinnern. Der Song „Screaming for ice cream“ wurde rauf und runter gespielt, bis alle Bänke zu Bruch gingen. „I scream, you scream, we all scream for ice cream, dada dada dadadadada …“, versucht sie die Melodie des Liedes vorzusingen. Und auch nach ihrem Studium habe sie das Fest als Ehemalige besucht. Ihr Mann war dabei und sei zu dem Fazit gekommen: „Die Ingenieure haben doch alle einen Schlag weg!“

Inzwischen arbeitet Kirsten Krämer seit 15 Jahren als Ingenieurin für Nachrichtentechnik bei der Telekom in Darmstadt. Ihre Studienzeit ist lange vorbei, dennoch sind viele Erinnerungen geblieben. Als im Februar diesen Jahres eine letzte Begehung der Wohntürme durch Ehemalige stattfand, konnte sie nicht dabei sein. Die Bilder der Abbruchhäuser hat sie jedoch gesehen und ist entsetzt: „Wenn man da so lange gewohnt und sich zu Hause gefühlt hat, möchte man das gar nicht wissen!“ Viel lieber möchte sie ihre Zeit als Studentin positiv in Erinnerung behalten: „Dieburg war zwar schon immer eher beschaulich, aber es war der Campus, der so gelebt hat.“

Text und Foto: Patrycja Kaczmarek

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