Turmbewohner erinnern sich: „Ein wehmütiger Abschied“

Wolfgang Ottenbacher

Wolfgang Ottenbacher, einst Teil des ersten Studentenjahrgangs in Dieburg, arbeitet seit über 30 Jahren am Mediencampus. Seinen Ruhestand im Sommer erwartet er mit gemischten Gefühlen. Die Studentenzeit war für ihn richtungsweisend – nicht nur im Hinblick auf seine Arbeit.

Am 18. September 1968 begann für Wolfgang Ottenbacher ein neuer Lebensabschnitt: Er wurde Dieburger. Mit dem Zug verließ er seine Heimat Heilbronn, um ein Zimmer im Studentenwohnheim zu beziehen. „Nummer 86-12“, schießt es aus ihm heraus, als sei es gestern gewesen. Über 30 Jahre war er danach am Mediencampus tätig. Diesen Sommer geht Ottenbacher, der zum allerersten Jahrgang der Posthochschule gehörte, in Pension – im selben Jahr, in dem die vier Türme weichen müssen. „Ein wehmütiger Abschied“, wie er sagt.

Haus 7 war lediglich ein Gerüst, von den Häusern 5 und 6 gab es noch nicht viel zu sehen, als die Deutsche Bundespost begann, in Dieburg Ingenieure auszubilden. Alphabetisch geordnet bezogen die Studenten der Elektrotechnik das erste fertige Gebäude. Der damals 21-jährige Ottenbacher landete demnach im sechsten Stock. „Wir wohnten im höchsten Haus in ganz Dieburg. Ein wunderbarer Blick“, erinnert er sich.

Damenbesuch war unterdessen nicht gestattet. Dafür habe unter den Studenten umso größerer Zusammenhalt geherrscht, berichtet Ottenbacher. Außer in Dieburg bildete die Bundespost seinerzeit nur in Berlin Ingenieure aus. Dadurch trafen im Wohnheim Menschen aus der gesamten Bundesrepublik aufeinander. Schnell hätten sich kleine Gruppen gebildet, so Ottenbacher. Er habe sich am ehesten den Bayern zugehörig gefühlt.

Die drei Jahre in Haus 8 haben bei ihm einen prägenden Eindruck hinterlassen: „Mein erstes eigenes Zimmer“, schwärmt er. Ottenbacher greift zu Stift und Papier, malt alles auf: eine Schlafcouch, ein Schreibtisch mit Stuhl, ein Sessel und ein kleiner Couchtisch, ein Waschbecken und ein Kleiderschrank, mehr nicht. Dusche und Toilette musste er sich hingegen mit den 29 anderen Bewohnern des Stockwerks teilen. Dafür habe jeder ein großes Fenster gehabt, meint Ottenbacher, er sogar „mit schönem Blick auf den See”.

Neben der Arbeit mit Netzwerken und Servern lernte der angehende Elektrotechniker in Dieburg auch die Fastnacht kennen: „Von Donnerstag bis Dienstag hatten fast alle Kneipen durchgehend geöffnet. Morgens hieß es: Füße hoch, einmal durchgekehrt und weiter geht’s. Da haben wir einige Nächte durchgemacht.“

Da ansonsten jedoch eher „tote Hose“ geherrscht habe, nahmen die Studenten das Zepter selbst in die Hand und machten ihre eigene Disco auf. Auch Ottenbacher war dabei, als in der Mensa der „Club 611“ an den Start ging. „611 war damals die Postleitzahl von Dieburg. Jeder hat mitgebracht, was er hatte, ob Plattenspieler oder LPs. Wir haben viel gefeiert“, erzählt er. Schnell fanden dadurch andere junge Leute aus der Umgebung den Weg zum Campus. So auch Ottenbachers heutige Frau Anni, die er 1970 im „Club 611“ kennenlernte.

Frisch verheiratet und mit dem Ingenieurszeugnis in der Tasche begann Ottenbacher 1971 für das Fernmeldeamt Taunus der Bundespost zu arbeiten, kehrte jedoch vier Jahre später an den heutigen Mediencampus zurück. Dort wurde er Laboringenieur, blieb es auch in Telekom-Zeiten und ist es bis heute für die Hochschule Darmstadt. Studenten lernen bei ihm, wie Netzwerke aufgebaut sind und können diesbezüglich erste eigene Versuche machen.

Heute arbeitet Ottenbacher größtenteils in Darmstadt. Die Wohnheime bekommt er dennoch regelmäßig zu Gesicht, wohnt er doch bis heute in Dieburg und betreut am Campus einige Server. Den Anblick der Türme habe er in letzter Zeit allerdings eher gemieden, verrät er. „Es ist wirklich schade, dass sie abgerissen werden. Nach über 30 Jahren ist das ein komisches Abschiednehmen.“ Auch, als die Investoren das Gebäude im Februar für eine letzte Begehung noch einmal öffneten, wollte Ottenbacher nicht dabei sein. „Das wäre zu traurig gewesen“, sagt er. Sein Sohn Thomas ging jedoch hin und überraschte seinen Vater mit dessen ehemaligem Zimmerschild.

Text und Foto: Manuel Schubert

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7 Antworten auf Turmbewohner erinnern sich: „Ein wehmütiger Abschied“

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  2. Brilonbär sagt:

    Coole Geschichte.
    Ich denke es gibt noch mehr Ehemalige wie mich, die gerne ihr Türschild hätten. Könnt ihr die nicht noch schnell abschreuben und hier oder bei Ebay für einen guten Zweck versteigern?
    Wäre doch nett, wenn sich über die Kommentare udn Fragen dazu vielleicht mehrere Generationen “Beleger” treffen würden?

    Viele Grüße
    Peter vom 12. Stock
    EX-8259

  3. Ralf Otterbein sagt:

    Whow, das wäre eine tolle Idee.

    Die Zimmernummer hing ja nicht einfach “nur” neben der Tür, sie war ja auch gleichzeitig Telefonnummer und Postfachadresse.

    Meine Nummer 8070 verfolgt mich bis heute (nach 25 Jahren !) fast täglich.

    Wäre toll, wenn ich das Schild mein Eigen nennen dürfte.

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  5. Stefan Molter sagt:

    Jo,
    die 8576 hätte ich auch gerne. Oder von der Innenstadt aus gesehen: 3. von Oben 5. von links.

    viele Grüße
    Stefan

  6. Ulrich Freiberg sagt:

    Na ja, alles hat ein Ende. Aber sowas liest man mit Wehmut.

    Türschilder? Die müsste man ja vervielfältigen. Wohnte damals Mitte der 70er im 12 Stock. Es war schon eine geile, manchmal auch anstrengende Zeit. Positive Erinnerungen überwiegen, nicht zu vergessen die tollen Waldfeste und Langlaufveranstaltungen.

    Grüße
    Ulrich

  7. Norbert Arning sagt:

    Ich gehörte auch zum ersten Studentenjahrgang 1968. Dieburg hat mir viel gegeben und viel bedeutet. Als ich vom Abriss der Türme las, musste ich ein paar Tränen vergiessen. Alle paar Jahre bin ich noch nach Dieburg gefahren um Erinnerungen wach zu halten. Mein Zimmer war die 8206. Heute arbeite ich als Oberstudienrat an einem Berufskolleg – Dieburg hats möglich gemacht!

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