Turmbewohner erinnern sich: „Frauenbesuch musste angemeldet werden”

Rolf Netzlaff

„Es war eine durchaus prägende Zeit“, resümiert Rolf Netzlaff sein Studium an der Ingenieurakademie Dieburg. Von Studentenfeiern über erstes politisches Engagement bis hin zu der wohl einzigen 68er-Demonstration Dieburgs hat er allerhand erlebt.


Berufswunsch Ingenieur? Diesen Traum entwickelte Rolf Netzlaff bereits in seiner Kindheit. Mit zehn bekam er das Buch „Elektrotechnik für Jungen“ geschenkt. Als zwölfjähriger zerlegte er einen alten Volksempfänger und im Jugendzentrum besuchte er Amateurfunkkurse. Den Realschulabschluss in der Tasche bot sich dem gebürtigen Essener bei der Deutschen Bundespost die Gelegenheit: Ein zweijähriges Praktikum mit dem anschließendem Studium „Ingenieur der Nachrichtentechnik“.

Gegenüber der staatlichen Variante hatte das posteigene Studium einen großen Vorteil: Netzlaff musste sein Abitur nicht nachholen. Wie alle anderen Studenten erhielt er unter der Voraussetzung, später fünf Jahre für die Post zu arbeiten, zudem ein Stipendium.

So landete er 1969 schließlich in Dieburg. Dort stand seit einem Jahr die neben Berlin einzige Ingenieurakademie der Deutschen Bundespost. Netzlaff bezog ein kleines Zimmer im Wohnhaus „8“ am Dieburger Campus. Die Umstellung fiel ihm zunächst schwer, war er doch das Großstadtleben gewohnt. „Am Anfang bin ich am Wochenende auch nach Hause gefahren, das ist mit der Zeit aber weniger geworden.“ Schließlich konnte er sich über mangelnde Gesellschaft nicht beschweren. Gemeinsam mit den etwa 35 anderen Erstsemestern wohnte er hoch oben im 16. Stockwerk.

Ganz allein waren sie dort jedoch nicht. Da die meisten erst 17 oder 18 Jahre alt und damit minderjährig gewesen seien, habe es einen Heimleiter gegeben. Dessen Regeln waren freilich nicht alle beliebt. „Frauenbesuch musste angemeldet werden und war nach 22 Uhr untersagt“, erzählt Netzlaff, und fügt lächelnd hinzu: „Kein Mensch hat sich daran gehalten.“

Da der Studiengang männlich geprägt war, galt es zunächst Frauen kennen zu lernen. Dementsprechend interessierten sich die angehenden Ingenieure besonders für das Nachtleben. Allerdings fielen die ersten Eindrücke ernüchternd aus: „Die Möglichkeiten waren recht begrenzt.“

Die Lösung: Eigenengagement. „Club 611“ lautete der Name der ersten studentischen Diskothek, welche 1969 in der Mensa ihre Pforten öffnete. Ein Ereignis ist Netzlaff dabei besonders in Erinnerung geblieben: „Der Organisator hat es irgendwie geschafft, Marianne Rosenberg für einen Auftritt zu gewinnen.“ Dies sei eine Initialzündung für weitere Konzerte gewesen. Die Schlagermusik Rosenbergs habe zwar nicht dem Geschmack der damaligen Studenten entsprochen, die eher die Beatles oder Soul a la James Brown gehört hätten, hingegangen sei man jedoch trotzdem. Denn: „Man musste natürlich wissen, was das für eine Kleine ist.“

Letztlich habe es Ende 1969 auch eine Demonstration gegeben – die seines Wissens einzige in Dieburg. Die Forderung: Anwesenheitspflicht abschaffen, freie Vorlesungswahl einführen. „Es war eine Mordsgaudi. Alle 450 Studenten liefen mit. Vorne weg ein Wortführer mit Megaphone und Ledermantel“, erinnert sich der heute 60-Jährige.

Der Mitgliedsausweis der Kneipe „Bazille“ von Rolf Netzlaff

Später entwickelte sich auch das Nachtleben weiter – die Studentenkneipe „Bazille“ wurde 1971 eröffnet. Der Clou: Mädchen hatten freien Eintritt. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen: Wie viele andere Studenten lernte Netzlaff dort seine Frau kennen.

Zugleich sei die „Bazille“ ein Ort zum politisches Meinungsaustausch gewesen. Als 1972 Willy Brandt an der Regierung war, entschloss sich Netzlaff zum Eintritt in die SPD, da er dessen Ostverträge als richtigen Weg ansah. „Es gab viele Sympathisanten für Brandt.“, erzählt er, und ergänzt: „Aber es gab auch andere Meinungen. Die Parteilandschaft hat sich widergespiegelt. Der erste Asta-Vorstand war etwa CDU-Mitglied.“

Doch nicht nur die politischen Ansichten unterschieden sich. Auch die Einstellungen hinsichtlich des Nachtleben waren verschieden. So hätten manche auch stur studiert. Wer sich hingegen häufig in Kneipen herumtrieb, habe es jedoch in den wenigsten Fällen in sechs Semester geschafft. „Ich bin viel weggegangen“, sagt Netzlaff.

Sein Studium schloss er 1973 nach acht Semestern ab. Da seine Frau in Rödermark wohnte, bat er darum, im Frankfurter Fernmeldeamt zu arbeiten. Dort entschied er sich nach dem einjährigen Vorbereitungsdienst für den Richtfunk.

Schließlich wechselte er 1982 zum Fernmeldeamt Darmstadt und bezog 1993 mit Frau und Kindern ein Haus in Dieburg. Aufgrund starker beruflicher Aktivität ließ sein politisches Engagement in dieser Zeit nach. Inzwischen hat sich dies aber wieder geändert. „Jetzt habe ich Zeit”, sagt Netzlaff lächelnd – seit 2009 im Ruhestand. Auch der Bezug zur Ingenieurakademie ist ihm nicht verloren gegangen: „Ich habe lebenslange Freundschaften geschlossen“, sagt Netzlaff. Ab und an trifft sich der 60-Jährige daher auch heute noch mit ehemaligen Kommilitonen.

Text und Fotos: Fabian Sell

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2 Antworten auf Turmbewohner erinnern sich: „Frauenbesuch musste angemeldet werden”

  1. Natürlich hieß das eingangs erwähnte Werk von Ing. Heinz Richter “Elektrotechnik für Jungen” und nicht für Junge! So war das damals (1964), nix Gender Mainstreaming.

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