Das Leben einer Campusfamilie

Eheleute Doris und Volker Ehrmann

„Wenn Studenten ein Problem hatten, konnten sie immer bei uns schellen. Schließlich führte eine Haustür nach draußen und eine in den Wohnturm hinein“, erzählt Doris Ehrmann. Gemeinsam mit ihrem Ehemann wohnte sie knapp fünf Jahre lang in Haus 7 auf dem Dieburger Campus.

Volker Ehrmann arbeitete dort als Heimleiter. Dafür bezog er 1969 gemeinsam mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Söhnen eine Wohnung in der ersten Etage des Gebäudes. Das damals sehr junge Ehepaar zog aus Velbert im Rheinland nach Dieburg. Volker war als Postler tätig und zudem bei der Johanniter-Unfall-Hilfe ehrenamtlich engagiert. Als die Stellen für die Heimleiter-Posten ausgeschrieben wurden, hatte er sich darauf beworben – und wurde angenommen.

Bei seiner neuen Aufgabe sollte er in erster Linie präsent und ansprechbar sein für die jungen Bewohner der Türme, die teilweise noch minderjährig waren. Außerdem hatte er abwechselnde Nachtbereitschaft mit den Heimleitern der anderen Häuser. Gemeinsam mit den Studenten baute Volker Ehrmann zudem eine Johanniter-Unfall-Hilfe-Gruppe von Studierenden auf. Die Gruppe hatte ihre Räume auf dem Gelände in einem Werkstattgebäude, in dem außerdem der Dieburger Ortsverband der Johanniter und die Lebenshilfe mit einem Sonderkindergarten und einer Werkstätte für Behinderte ihren Sitz hatten. Die Studenten waren dabei ehrenamtlich engagiert und haben geholfen, behinderte Kinder und Erwachsene zu dem Gebäude zu fahren.

Die beiden Söhne Klaus und Peter fühlten sich auf dem großen Gelände ebenfalls wohl. „Die Kinder hatten ihren Freiraum und die Studenten haben mit auf sie aufgepasst“, erzählt Doris Ehrmann. Das Verhältnis zu den Studenten sei recht familiär gewesen. Manche Turmbewohner waren bei Ehrmanns sogar Babysitter. Dabei hatten diese Studenten den Vorteil, dass sie ungestört im Wohnzimmer lernen konnten. In den eigenen Wohnetagen habe es für die Studierenden weniger Ruhe gegeben, sagt Doris Ehrmann.

Gut aufgehoben waren die Kinder auch bei „Tante Bambusch“. Die etwas ältere Dame vermietete das Werkstattgebäude beim Campus an die einzelnen Organisationen und wohnte dort auch selbst. Sie hatte einen großen Garten, in dem die Kinder der Heimleiter und auch die Kinder der Professoren oft spielten. „Ich erziehe keine Kinder, bei mir dürfen sie alles“ sei das Motto von Tante Bambusch gewesen, erinnert sich Doris Ehrmann.

Selbstverständlich habe man in der Zeit auf dem Gelände auch einiges von den Parties der Studenten mitbekommen. Einmal im Jahr gab es das große Waldfest bei Haus 10. „Das war in den Anfangsjahren sehr exzessiv“, sagt Volker Ehrmann. Es sei da auch schon mal jemand durch Glastüren gefallen. Manchmal sei die Lautstärke ein Problem gewesen, aber man habe irgendwann seine „Pappenheimer“ gekannt und wusste, wo es herkommen könnte, meint Volker Ehrmann. “Da habe ich einfach an die Tür geklopft und gefragt, ob es auch etwas leiser geht.”

„Nachts um halb drei gab es einmal plötzlich einen riesigen Schlag“, erzählt Doris Ehrmann. Ein Auto bekam die Kurve nicht und krachte gegen das Haus 7. Dabei habe der Wagen den dahinter liegenden Heizkörper getroffen, der mit fünf Etagen verbunden war: Das Wasser sei aus allen Heizkörpern gelaufen. Doch der Zusammenhalt der Studenten war groß und so hätten viele dabei geholfen, den Schaden zu beheben.

Das Ehepaar hat einiges in seinen Jahren auf dem Campus Dieburg erlebt – von Wasserbomben, die aus dem siebten Stock geworfen wurden, bis hin zum versehentlichen Feueralarm. Die beiden erinnern sich trotzdem gerne an die Zeit zurück, denn: „Langweilig wurde es da nicht.”

Text und Foto: Mirja Hirvonen

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2 Antworten auf Das Leben einer Campusfamilie

  1. Michael Kurmies sagt:

    Ja, so waren sie die Heimleiter. Geregelte Arbeitszeiten gab es für sie bestimmt nicht. Trotzdem idR immer hilfsbereit und ansprechbar.

    Ich war Anfang der 1990er Jahre an der FH Bund in Dieburg. Durch die Heimleitung wurden zu dieser Zeit auch immer wieder tolle Ausflüge für die Studenten organisiert. So waren wir bspw. in Rotenburg odT oder bei einem Winzer an der Weinstraße in der Pfalz.

    War wirklich eine tolle Zeit. Schade, dass vor ein paar Jahren nicht die Entscheidung getroffen wurde, die Wohnheime zu modernisieren und weiter zu nutzen. Den jetzigen Studenten entgeht viel. Es hatte überwiegend Vorteile dicht an dicht mit den anderen Studenten zu wohnen.

    LG
    Michael

  2. Ilse Seidel sagt:

    Da kommen wieder viel Erinnerungen auf an die alte Zeit, die Ehrmanns hatten uns damals sogar ihren alten Kindersportwagen geschenkt, als wir als junges Studentenehepaar unsere erste Tochter erwarteten, lange ist das her, die Tochter wird 40 dieses Jahr und mein Mann ist seit 10 Jahren tot. Vielleicht erinnern sie sich noch an den jungen Mann mit dem ‘Getraenkehandel’, der auch hin und wieder den Behindertenbus fuhr…..

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