Als die Herrmanns den Hof verließen

Ende der Sechziger noch mit Bauernhof: die Max-Planck-Straße.

Die Ingenieursakademie der Bundespost war für viele Dieburger ein Gewinn. Für die Familie Herrmann begann mit dem Entschluss zum Bau jedoch der Existenzkampf. Ein Bericht über einen Streit um Haus und Hof.

“Da stand unser Hof”, sagt Cäcilia Herrmann. Die 77-Jährige zeigt eine Luftaufnahme aus den Sechzigern. Ein großes Feld, je ein Stall für die Hühner, Schweine und Kühe, dazu ein Wohnhaus. “Wir waren modern”, erinnert sie sich. Damals, nach dem Krieg, habe sie sich hier mit Ehemann Franz ihre Existenz aufgebaut. Aus ihren Unterlagen kramt sie einen Lageplan der Max-Planck-Straße heraus und deutet mit dem Finger auf mehrere Grundstücke: “Da stand unser Hof. Auf 4400 Quadratmetern.”

Heute stehen gegenüber des abgerodeten Waldstücks Wohnhäuser. Vom landwirtschaftlichen Betrieb der Herrmanns zeugt nichts mehr. “1952 hat mein Mann das Grundstück vom Vater bekommen”, erzählt sie. Im selben Jahr hätten sie angefangen, in der Max-Planck-Straße den Hof zu errichten. Zu Anfang nur mit ein paar Milchkühen und Schweinen. Fünf Jahre später zogen sie dann auf den Hof. Herrmann erzählt: “Wir hatten peu a peu unsere Existenz aufgebaut.”

Heute stehen gegenüber des gerodeten Waldstücks Wohnhäuser.

Dazu bewirtschafteten die Herrmanns dort einen Acker, wo heute die Aula der Dieburger Hochschule steht. Als die Post beschloss, ihre Ingenieurs-Akademie auf dem Areal zu errichten, begannen die Probleme für die Landwirte. Etwa 1963 sei es gewesen, als ihnen ein Kaufangebot für das Gelände vorgelegt worden sei. “Sechs D-Mark wollten die uns pro Quadratmeter geben”, sagt Herrmann. “Falls wir ablehnen sollten, haben sie uns mit Enteignung gedroht”, erinnert sie sich. Notgedrungen hätten sie den Acker verkauft.

Als sich die Stadt Ende der Sechziger ausbreitete, stand plötzlich auch der Hof im Weg. Neben den Wohntürmen der Hochschule wurden auch normale Häuser gebaut. “Die wussten doch, dass sie in der Nähe eines Schweinstalls bauten”, sagt Herrmann. Vor dem Bau habe das kaum einen gestört. Hinterher beschwerten sich alle: “Da stinkts, da stinkts, da stinkts”, hätten sie gesagt. “Wenn die Leute ins Theater (Anm. d. Red.: Aula der Fachhochschule) gegangen sind, haben sie ihre Nasen in die Pullover gesteckt”, erinnert sich Herrmann aufgewühlt. Die Situation sei nervlich sehr belastend gewesen.

Die CDU-Fraktion der Stadt Dieburg wollte das Gelände wegen der Beschwerden der Anwohner aufkaufen. Für die Umsiedlung des Betriebes stellte die Stadt 600.000 D-Mark zur Verfügung und erhielt dafür das 4400 Quadratmeter umfassende Gelände. Wirklich zufrieden war damit niemand. “Wir haben denen gesagt, dass wir kein Geld sondern einen gleichwertigen Hof wollen”, sagt Herrmann. Der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Heinrich Beckmann empörte sich dagegen im Darmstädter Echo, den Landwirt auf Kosten der Bürgerschaft zum Millionär zu machen. “Die Stadt sitzt jetzt am längeren Hebel und muß notfalls die Enteignung anstreben”, wurde er 1972 zitiert. CDU-Sprecher Ernst Christ rechtfertigte den Entschluss im selben Artikel: “Wir müssen in den sauren Apfel beißen, wenn wir zu einer Lösung kommen wollen.”

Cäcilia Herrmann kann das bis heute kaum fassen. Sie habe Beckmann einst gefragt, wie er sich fühlen würde, wenn sein Haus einfach aufgekauft werden solle. “Darauf hat er nichts gesagt”, meint die 77-Jährige. Die 600.000 D-Mark für den Hof nahmen sie aber doch an. “Uns blieb nichts anderes übrig”, bedauert sie. “Hätten wir um unsere Existenz gekämpft, wären wir am Ende doch enteignet worden.” Das Wohnhaus habe sie aber nicht abgegeben. “Da wollten sie uns 100.000 D-Mark für geben”, sagt sie. “Das haben wir abgelehnt.”

Auf 4400 Quadratmetern befand sich der Hof der Herrmanns (rot umrandet).

Umziehen mussten die Herrmanns trotzdem. Mit fünf Kindern konnte man sich nicht auf die faule Haut legen. Bereits 1972 kauften sie einen Hof in der Gemarkung Semd, knapp zehn Autominuten südöstlich von Dieburg. Zwei Jahre später, im Frühjahr, bezogen sie ihn auch. “Aber der Hof war nicht groß genug”, berichtet Herrmann. Wie schon in Dieburg bauten sie an: Maschinenhalle, Hochsilos und einen Bullenstall. “Dafür mussten wir noch einen Kredit aufnehmen.”

Das sei nervlich wie körperlich eine anstrengende Zeit gewesen. “Wir haben alles in Selbsthilfe gemacht”, erinnert sie sich. “Das Vieh musste ja unterkommen, da hab ich auch Beton geschippt.” Dazu kam die Abgeschiedenheit des neuen Hofes: “Wir hatten fünf Kinder, zwei waren noch schulpflichtig. Jeden Morgen hat das Auto um 6.30 Uhr den Hof verlassen”, berichtet Herrmann. Tochter Christa musste zur Lehre nach Groß-Umstadt, Sohn Dieter wurde in Reinheim zum Landmaschinenschlosser ausgebildet. “Und wenn die Kinder irgendwo hinwollten, mussten wir auch mit dem Auto raus.”

1994 traten die Herrmanns schließlich in den Ruhestand und kehrten in die Max-Planck-Straße zurück. “Zum Glück haben wir das Häuschen hier behalten”, sagt sie. Dieter wohne nun auf dem Hof und verpachte den landwirtschaftlichen Betrieb. Von der neuen Baustelle vor ihrer Haustür hält Cäcilia Herrmann wenig. “Es ist schade, dass der Wald weg ist. Aber die Zeit läuft weiter, da kann man nichts machen.”

Text: Kevin Schubert
Fotos: Privat und Manuel Schubert

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