„Wie in New Orleans nach der Flut“

Das Studentenwohnheim am Campus Dieburg

Auch nach der Schließung der Wohntürme konnten Studierende noch einfach eine Wohnung in Dieburg finden. Erst in den letzten Jahren hat sich die Situation drastisch verschärft: 2011 übernachteten Studierende teilweise in Notunterkünften.

Gelassen sitzt Philipp in einem der Campus-Lernräume. Er bereitet sich mit ein paar Kommilitonen auf eine Präsentation vor. Philipp studiert Informationswissenschaften im 12. Semester. Die Vorbereitung seiner Präsentation fällt ihm leicht.

Ähnlich leicht fiel dem gebürtigen Heilbronner damals auch die Suche nach einer geeigneten Wohnung in Dieburg. Seit September 2006 wohnt er hier. In Darmstadt selbst sei kein freier Platz mehr gewesen, erinnert sich Philipp. So entschied er sich für das Studentenwohnheim hinter Wohnturm Nr. 6 am Campus Dieburg. Ein Zimmer mit Balkon und Blick auf den Innenhof, flankiert von den Wohntürmen, die bald abgerissen werden.

„Es ist kein Luxus, aber auch nicht teuer“, findet der Hochschüler, „you get what you pay for“. Philipp bezahlt für seine Wohnung jeden Monat 230 Euro.

Das Studentenwerk, das zu dieser Zeit noch die Wohnheime verwaltete, bot dem Hochschüler die freie Auswahl. „Der Plan wurde mir vorgelegt und ich konnte mir aussuchen, was ich wollte“, sagt Philipp. Die Zeiten des Auswählens sind vorbei. In Dieburg ist es heute sehr schwierig, als Student eine Wohnung zu finden.

Nach Erfahrungen des Studentenwerks sei Dieburg damals als Wohnungstandort nicht so gefragt gewesen wie heute. Die meisten Studierenden entschieden sich, in Darmstadt zu wohnen. Vor sechs Jahren verwaltete die Organisation ein Hochhaus und mehrere Studentenwohnheime. Die Verwaltung wurde im Oktober 2008 von der Deutschen Annington Immobilien Gruppe, dem Besitzer der Gebäude, übernommen.

Für das Studentenwerk hatte sich das Geschäft nicht mehr rentiert. Viele Studenten verließen im Zuge der Schließung ihre Zimmer. Ihre Verträge liefen meist über ein komplettes Semester oder mehr. Die Ereignisse wurden selbst von den Medien in der Umgebung aufgenommen und waren zu jener Zeit großes Gesprächsthema.

„Als wir übernommen haben, waren hier gerade mal 60 Mieter“, sagt Sebastian Schmidt*, Hausmeister eines Wohnheims der Deutschen Annington am Campus Dieburg. Ein halbes Jahr danach seien es schon 150 gewesen. Durch Mundpropaganda füllten sich die Wohnheime innerhalb kürzester Zeit.

Ein Eingang zum Studentenwohnheim

Diese Erfahrung machte auch Alina. Die 22-jährige Online-Journalismus-Studentin zog 2010 in ein privates Wohnheim in Dieburg. „Ich war relativ froh, dass ich damals sofort einen Platz gefunden habe. Die Verwaltung erklärte mir, dass ich den Mietvertrag sofort unterschreiben muss, da sie fast ausgebucht waren.“ Auch bei ihren Kommilitonen habe es Schwierigkeiten mit der Wohnungssuche gegeben. „Es ist eben wichtig, dass man sich frühzeitig darum kümmert.“ Heute wohnt Alina wieder in Aschaffenburg, da sie mit ihrer Wohnung nicht zufrieden war. „Ich habe zum erstmöglichen Termin den Mietvertrag gekündigt. 305 € im Monat waren mir für die Wohnverhältnisse dann doch zu viel.“

Mittlerweile werden für die Wohnheime flexible Vereinbarungen angeboten. Die Deutsche Annington bietet Verträge an, die nach drei Monaten bereits auslaufen. Außerdem muss man nicht, wie zu Zeiten des Studentenwerks, an der Hochschule immatrikuliert sein, um eine Wohnung zu bekommen. So meldet sich selbst die TU Darmstadt bei Schmidt, um Doktoranden für drei Monate unterzubekommen.

„Wir haben hier insgesamt 210 Zimmer, die aktuell alle besetzt sind“, berichtet Schmidt. Letztes Jahr habe er vor dem Start des Wintersemesters im Oktober eine Welle von Anfragen bekommen. „Ich hätte selbst die Kellerräume vermieten können“, erzählt er. Im Jahr 2011 übernachteten Studenten teilweise am Dieburger Bahnhof, weil alle Wohnungen restlos vermietet waren. Fast einen Monat lang mussten Hochschüler, unter ihnen auch Auslandsstudenten mit Stipendien, in einer Halle unterkommen. Das Studentenwerk organisierte Notunterkünfte, manche schliefen auf Bänken unter der Brücke. Selbst Zimmer, die eigentlich noch hätten renoviert werden müssen, wurden vermietet.

Hausmeister Schmidt kann sich noch gut an das vergangene Jahr erinnern: „Die Situation war brutal, ich kam mir vor wie in New Orleans nach der Flut“.

1)* = Auf Wunsch des Interviewpartners wurde der Name anonymisiert

Text und Fotos: Marcel Cichon, Ilker Bicakci

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