„Dieburg war für mich ein Kulturschock!“

Martin Diekmeier

Vom kleinen Dorf in die große Stadt – so empfand Martin Diekmeier damals den Umzug an den Campus in Dieburg. Rückblickend schaut er aber auf eine schöne Zeit und ein abwechslungsreiches Studentenleben in den Türmen.


Am 8. Januar 1974 hielt Martin Diekmeier die lang ersehnte Zusage der Deutschen Bundespost in seinen Händen: Er hatte den Studienplatz für Nachrichtentechnik an der Posthochschule in Dieburg sicher! Zum Wintersemester hieß es dann, für die nächsten drei Jahre vom 1000-Seelen-Dorf Rieschenau nach Dieburg in die Wohntürme umziehen. „Mittlerweile kaum noch vorstellbar, doch damals war das ein Kulturschock für mich“, erzählt er heute. Aber nachdem er die Stockwerksparty gut hinter sich gebracht  hatte, lebte Diekmeier sich recht schnell im 4. Stock von Haus 7 ein. Nach kurzem wusste er die essentiellen Dinge eines guten Studentenlebens: In Stock 1 lebten die Frauen der Hochschule, in Stock 8 fanden die besten Partys statt und Haus 8 war der Bayernturm.


In seiner Zeit als Student in Dieburg erlebte der Nachrichtentechniker die ein oder andere Geschichte, die noch heute als Mythos am Campus erzählt wird. So war Diekmeier dabei, als ein Fiat 500 in den Lastenaufzug getragen wurde. Der überrumpelte Besitzer fuhr sein Fahrzeug aber schnell wieder durch den Hausflur hinaus ins Freie. Und auch zum metallenen Ball, dem Kunstwerk zwischen Mensa und Haus 8, das bis heute erhalten ist, kennt er eine Geschichte. „In einer Nacht- und Nebelaktion haben einige Studierende die Kugel komplett abgebaut und auf dem Dach von Haus 8 wieder aufgestellt“, erinnert er sich. Nur nach dem Rücktransport gab es dann wohl einige Probleme, da sich niemand mehr erinnern konnte, wie das Kunstobjekt wieder richtig zusammengesetzt wird.

Diekmeiers Zulassungsschreiben von 1974

Doch wurde in Dieburg natürlich auch ab und zu richtig studiert. So erzählt Diekmeier, dass die Vorlesungen eher dem Schulbetrieb nachempfunden waren, im Grundstudium erhielten sie einen festen Stundenplan. Erst im Hauptstudium gab es dann ein wenig mehr  Gestaltungsmöglichkeiten. Als Nachteil hat er diese Art des Studiums jedoch nie empfunden. „Unsere Dozenten waren recht locker drauf, bei Fragen außerhalb der Vorlesung kam es auch mal vor, dass wir mit dem Prof an den Teich zum Angeln gegangen sind“, erzählt Diekmeier. Insgesamt hat er sich sehr wohl gefühlt in Dieburg. „Wir hatten ja alles hier, was man zum Leben braucht“, meint er. Neben dem hochschuleigenen Sportplatz und Schwimmbad hatte der Campus selbstverständlich eine eigene Poststelle und auch sehr gut ausgestattete Labors.


„Mit der Kantine waren wir damals nicht so zufrieden“, bemängelt er, „doch nachdem wir sie bestreikt hatten, wurden die Preise gesenkt und das Essen besser.” Aber auch in ihrer Freizeit wussten sich die Studenten zu helfen. So wurde die Disko „Druckwelle“ in Haus 8 allein von Studenten organisiert. Hier arbeitete Martin auch eine Zeit lang hinter der Bar. Probleme mit den Hausmeistern, die auch Aufsichtspflicht für die minderjährigen Studenten hatten, gab es für die Studierenden kaum. Umgekehrt schon: „Es kam aber auch mal vor, dass unser Hausmeister morgens aufwachte und alle Klotüren fein säuberlich vor seinem Zimmer aufgeschichtet lagen“, erzählt Martin. Außerhalb des Campus gab es auch ein wenig Nachtleben, zum Beispiel im Dieburger Biergarten. Hier wurde Ende der 80er Jahre auch das Comedy-Duo „Badesalz“ bekannt.

Wenn es um Streiche und anderen Quatsch rund um den Campus geht, fallen dem Wahl-Groß-Zimmerner so einige Geschichten ein. „Im Sommer musste man immer nach oben schauen, wenn man am Turm vorbei gelaufen ist“, warnt er, „sonst konnte es passieren, dass eine Tüte voll Wasser neben dir aufschlug.” Und auch die Dieburger Feuerwehr war ein häufiger Gast. Zwei- bis dreimal im Monat vergaß ein Student mal eine Pizza im Ofen oder zündete Wunderkerzen unterm Rauchmelder an. Einen richtigen Einsatz der Feuerwehr hat Diekmeier aber nicht miterlebt. „1976 gab es hier ein Erdbeben“, erinnert er sich, „ich war unten im Fernsehraum, dadurch war mir das recht egal.” Aber in Haus 8 seien viele aus den oberen Stockwerken panisch die Treppen runtergerannt. Viele fuhren ihre neuen Autos von den Türmen weg, erinnert sich Diekmeier. „Aber die alten wurden direkt davor geparkt – vielleicht fällt ja irgendwas drauf“, verrät er. Über ein von der Versicherung gesponsertes neues Auto hätte sich sicher jeder Student gefreut. Da die Bus- und Bahnverbindung damals eher schlecht war, besaßen die meisten Studierenden des Postcampus ein eigenes Auto. „Sonst wäre jede Unternehmung außerhalb des Campus eine Weltreise gewesen“, sagt Diekmeier.


Text: Fiona Lenz

Fotos: Fiona Lenz/privat

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