Zeitreise

Ein Liebesbeweis am Fenster

Bei einem Gang durch die Wohntürme haben unsere Reporter Fiona und Janosch das Wohnheim-Feeling von damals gesucht – und auch gefunden.

Viele ehemalige Bewohner der vier Wohntürme haben uns bereits berichtet, wie sie die Studentenzeit in Dieburg erlebt haben. Aus den Erzählungen ergibt sich für uns ein sehr gutes Bild über die damaligen Partys und Brauchtümer, das Studieren am Campus und das Leben in den Türmen. Schwieriger wird es, die Gefühle und Empfinden der Ehemaligen tatsächlich nachzuvollziehen. Das hat sich beim Besuch auf der Baustelle verändert.

Als wir das Gelände betreten ist uns anfangs noch gar nicht bewusst, dass wir in den nächsten Stunden eine kleine Zeitreise bis in die 1970er Jahre unternehmen werden. Darauf bedacht, möglichst viele neue Informationen und aktuelles Bildmaterial für unser Blog einzufangen, starten wir gemeinsam mit Bauleiter Mohr den Rundgang im größten der vier Türme, Nummer Acht. Dieser ragt 18 Stockwerke in den Himmel – und natürlich hat der alte Aufzug schon seinen Betrieb eingestellt. Rausgerissene Waschbecken, Glassplitter in allen Größen und heruntergekommener Wandputz pflastern die Treppenstufen.

In einigen Etagen wirft Reporter Janosch einen Blick in die ehemaligen Zimmer und muss feststellen, dass der Platz knapp bemessen war. An einigen Zimmern hängen noch immer die alten Türschilder, teils nur noch mit der Zimmernummer, teils komplett mit dem Namen des damaligen Bewohners versehen. Zudem gibt es gemeinschaftliche Waschräume, die lediglich durch eine schmale Wand vom anderen Geschlecht getrennt sind. Was heute in dieser Form wohl kaum noch vorzufinden ist, war vor 40 Jahren eine Selbstverständlichkeit. Das heißt aber nicht, dass es im Wohnheim keinen geschlechterübergreifenden Kontakt gab. In einem Zimmer entdeckt Reporterin Fiona einen Liebesschwur, der über die komplette Fensterscheibe geschmiert wurde.

Treppensteigen als Spiel

Nach zehn Minuten erreichen wir endlich den 18. Stock, die Dachterrasse des Gebäudes. Ein anstrengender Aufstieg! Doch laut Wandmalereien haben die Studenten zu früheren Zeiten das Treppensteigen als Kräftemessen verstanden, Fiona findet Notizen, dass ein Ehemaliger 30 Mal hintereinander das Gebäude erklommen hat.

Zum ersten Mal wird uns klar, dass wir hier mitten in einem Zeitabschnitt stehen, der für Dieburg sehr bedeutsam ist. Dieses Gefühl wird durch den Besuch von Turm 6 verstärkt. Denn im Gegensatz zu den anderen Gebäuden sind viele Einrichtungsgegenstände noch nicht entsorgt worden. Stühle mit rot-braunen Bezügen, schmale Schreibtische und Wandschränke, orange-geblümte Tapete: willkommen in den 70ern. Bei der Standardeinrichtung der Wohnheimzimmer bleibt nicht viel Spielraum für individuelle Gestaltung.

Im Erdgeschoss offenbart ein etwas größerer Raum dann tatsächlich verschiedene Ordner, lose Blattsammlungen und Karten. Darunter Bilder und persönliche Daten der Bewohner, Dokumente zu Mietpreisen und diverse Formulare. Das muss einst das Verwaltungsbüro gewesen sein. Die Zeit ist hier stehengeblieben. Das bestätigen auch die Frisuren einiger ehemaliger Studenten, die auf den Wohnheimausweisen zu sehen sind. In bester Vokuhila-Tradition wird da in die Kamera gelacht, die Brillengläser wirken so groß wie heutige Klobrillen. Im ersten Moment ist das eine lustige Erinnerung. Aber im nächsten Moment macht sich Janosch Gedanken, was man wohl in 40 Jahren über unsere Generation berichten wird.

Wir nehmen uns viel Zeit, um die dicken Ordner zu durchstöbern. Und plötzlich ist da dieses eine Datenblatt der Heimleitung. Es handelt sich um einen “Einweisungsschein für die Unterbringung in einem WH-Zimmer”, ausgestellt am 20. September 1993. Das mag erstmal nicht besonders spektakulär klingen. Doch der “Einzuweisende” stammt aus  Leverkusen, dem Geburtsort von Janosch. In all den Sachen ausgerechnet einen Ehemaligen aus der Heimat zu finden, fühlt sich gut an. Und auch die damaligen Mietpreise lassen das Herz höher schlagen: Musste der Leverkusener Student im ersten Monat noch 224,95 DM bezahlen, waren es im Januar nur noch rund 111 DM. Abnehmende Wohnkosten, wo gibt es das noch?

Fiona und Janosch testen die Feldbetten im Schutzbunker

In der Miete inbegriffen war auch der unterirdische Schutzbunker. Beim Begehen der engen Räume kommt die Frage auf, wie alle Bewohner hätten gerettet werden sollen. Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd: gar nicht. Ein Übersichtsplan bestätigt das. Die schmalen Gänge sind gespenstisch. Hier unten gibt es kein Licht und ohne leuchtende Smartphones wären wir wohl aufgeschmissen. In manchen Schutzräumen stehen sogar noch Betten. Hochbetten mit drei Etagen – Menschen mit Platzangst hätten Probleme bekommen. Wir testen die spartanischen Betten und obwohl beide eine eigene Etage im Stockbett beziehen, will nicht so recht Gemütlichkeit einkehren. Zu beklemmend, zu eng, zu dunkel. Wir sind erleichtert, als wir zurück ans Tageslicht kommen.

Nach Beendigung der kleinen Zeitreise versteht Janosch die Wehmut der ehemaligen Studenten und Turmbewohner. Die Fotos aus vergangenen Tagen und bis heute erhaltene Wandbeschmierungen (samt Handynummern und anzüglichen Sätzen) deuten auf eine ausgelassene und fröhliche Studentenzeit. Auch Fiona hätte gern die ein oder andere Anekdote der vier Türme live miterlebt. Wir dürfen gespannt sein, ob sich dieser “Dieburger Geist” auf den neuen Wohnkomplex überträgt.

Text: Fiona Lenz und Janosch Leuffen
Fotos: Marco Wandura, Fiona Lenz

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3 Antworten auf Zeitreise

  1. Michael Kurmies sagt:

    Ja, die Preise für ein Zimmer mit fließend warm/kalt Wasser und Dusche/WC auf dem Flur in Gemeinschaftsnutzung waren wirklich nicht hoch. Und mit den rund 10 qm sind wir damals ausgekommen. Bett, Einbauschrank, Regal, Schreibtisch und -stuhl sowie ein Sessel gehörten zur Standardausstattung.
    Es gab ja auch noch die Gemeinschaftsräume. Wir haben uns morgens bspw. immer mit ca. 8 bis 12 Leuten zum gemeinsamen Frühstück getroffen, ehe es in die Vorlesung ging. Wo gibt es das heute noch?
    Ein vielfältiges Sportangebot (die FH hatte damals mit Herrn Schütz einen eigenen Sportlehrer, der für alle sportlichen Aktionen der Hochschule verantwortlich zeichnete) mit eigenem Stadion und großer Halle, sowie dem Wald direkt vor der Tür rundete das Angebot ab.
    Die Partyräume in und um Haus 8 natürlich nicht zu vergessen.

  2. stm-ka sagt:

    Zumindest Anfang der 90-er war auch noch ein Reinigungsservice (1x die Woche, bei mir (8176) immer Freitags) , 1 Handtuch und Bettwäsche in der Miete mit drin.

  3. Ingo Stähly sagt:

    Das war schon eine echt tolle Zeit auf dem Campus. Man hat zusammen gefeiert und zusammen gelitten.
    Da war noch eine echte Gemeinschaft vorhanden, das findet man heute wohl nicht mehr.
    Druckwelle, Bierkeller, Stockwerkspartys, SemGem-Feten, Waldfest, lange diskussionsfreudige Nächte in den Gemeinschaftsräumen, gemeinsame Kinonächste in der Aula, im Sommer liegen auf der Wiese zwischen Wohntürmen und Vorlesungsgebäuden. Die Liste läst sich noch fortsetzen. Da werden bei vielen Erinnerungen wach die dabei war.
    Schön war die Zeit und man wird sie immer in Erinnerung erhalten.

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