“Wir sind vom Bürgermeister maßlos enttäuscht”

Fritz Tutt steht auf der Baustelle des zukünftigen Wohngebiets

Die Mitglieder der Interessengemeinschaft “IG Campus 80” haben sich in den vergangenen Monaten für eine Umleitung des Baustellenverkehrs stark gemacht. Das Wohngebiet habe man nie verhindern wollen, sagt Fritz Tutt, Sprecher der Vereinigung. Die Politik sei aber nur oberflächlich auf die Proteste eingegangen, vor allem von Dieburgs Bürgermeister Werner Thomas sind die Anwohner enttäuscht.

Als bekannt wurde, dass die Wohntürme neben dem Dieburger Campus abgerissen werden sollen, hat alles angefangen: Fritz und Helga Tutt sprachen zunächst mit ihren Nachbarn aus der Max-Planck-Straße und gründeten schließlich die Interessengemeinschaft “IG Campus 80”. Getroffen habe man sich immer im Wohnzimmer der Tutts: “Wir haben uns mehrere Male im Monat zusammengesetzt, Aktionen geplant, Infoblätter erstellt und diese dann verteilt”, sagt Fritz Tutt.

Anfangs sei man noch skeptisch gegenüber dem gesamten Projekt gewesen, letztlich sei so ein neues Wohngebiet aber eine “völlig normale Sache”, sagen die Eheleute. “Wir wollten den neuen Stadtteil nicht verhindern, wir wollten die negativen Auswirkungen auf die Anwohner so gering wie möglich halten.” Deshalb habe man eine Stichstraße auf die K128 gefordert. Dadurch wäre der Baustellenverkehr und der zukünftige Verkehr des Wohngebietes aus Dieburg herausgeführt worden.

“Wir haben jetzt schon etwa 100 Busse jeden Tag, die durch die Max-Planck-Straße fahren”, sagt Helga Tutt. Diese Zahl bestätigt auch Matthias Altenhein, Geschäftsführer der Darmstadt-Dieburger Nahverkehrsorganisation. “Wir wollten nicht auch noch den ganzen Lärm und die Abgase durch die Lastkraftwagen.” Um die Stichstraße vor den Naturschützern zu rechtfertigen, zählten die Mitglieder der Interessengemeinschaft die zusätzlich zu fällenden Bäume nach. Demnach hätten nur acht weitere Bäume entfernt werden müssen. Dem widerspricht Architekt Sascha Querbach: “Es müsste zusätzlich Wald gerodet werden, um einen Puffer zur Straße zu haben. Hinzu kommt, dass durch einen Beschleunigungsstreifen weitere Bäume gefällt werden müssten.”

Die Anwohner befürchten außerdem, dass die Max-Planck-Straße den zukünftigen Verkehr, der durch das neue Wohngebiet entsteht, nicht aufnehmen könne. Dem widerspricht Querbach: “Als die Wohntürme noch bewohnt waren, haben hier mehr als 1000 Studierende gelebt.” Die meisten von ihnen hätten ein Auto gehabt und auch dadurch wäre die Straße nicht überlastet gewesen, so der Architekt. Querbach ist sich deshalb sicher, dass das Straßennetz auch den Verkehr des Neubaugebietes aufnehmen könne.

Bei den Lokalpolitikern stieß das Engagement der Anwohner zunächst auf offene Ohren. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss im Februar 2011 für die Stichstraße sogar einen Bebauungsplan als Vorentwurf – “mit den Stimmen von CDU, FDP und UWD”, sagt Fritz Tutt. Für die Interessengemeinschaft sei das ein großer Erfolg gewesen. Dann allerdings kam die Kommunalwahl im März 2011 und danach war das Interesse der Politik verflogen. “Das war ein reines Wahlkampfmanöver der CDU”, sind sich die Tutts einig. Im März dieses Jahres wurden die Pläne schließlich verworfen.

Für die Anwohner war das enttäuschend und kaum nachvollziehbar. Christian Thomas, der sich ebenfalls in der Interessengemeinschaft engagiert hat, spricht von einer “erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität”. Über die K128, argumentiert er, wäre eine schnelle Verbindung nach Darmstadt und Frankfurt entstanden. Er ist überzeugt: “Die Max-Planck-Straße ist nicht für Bauverkehr und den späteren Siedlungsverkehr ausgelegt.”

Wie viele Dieburger verfolgt auch Thomas den Abriss mit gemischten Gefühlen. “Früher, als ich fünf oder sechs war, gab es hier echtes Studentenleben”, erzählt Thomas, der heute selber studiert. Er sei oft in den Hochhäusern gewesen und habe den Ausblick genossen. Später sei für ihn eher die Druckwelle interessant gewesen: “Das war eine Bereicherung für Dieburg, eine Alternative zum Biergarten.” Thomas findet, dass die Türme das Bild von Dieburg geprägt haben. “Da sind viele Erinnerungen. Hinter den Türmen habe ich Fahrradfahren gelernt”, erzählt er. Gegen das Neubaugebiet hat er aber nichts. Thomas ärgert sich, dass dieser Eindruck in Verbindung mit der Interessengemeinschaft entstanden sei. “Das kam in der lokalen Presse so rüber, stimmt aber nicht.” Es sei immer um die Stichstraße gegangen.

Inzwischen hat sich die Interessengemeinschaft aufgelöst. “Wir haben ein Jahr lang gekämpft. Aber wenn man nicht mehr weiter kommt, verliert man die Lust”, sagt Fritz Tutt. Die Anwohner der Max-Planck-Straße hätten die Hoffnung aufgegeben. “Das hat keinen Sinn mehr, unser primäres Ziel wurde abgelehnt”, bestätigt Thomas. Besonders enttäuscht sind die Tutts vom Dieburger Parlament und Bürgermeister Werner Thomas. “Wir fühlen uns vernachlässigt und sind vom Bürgermeister maßlos enttäuscht.” Für ihn zähle nur das neue Wohngebiet und der Erhalt des Campusgeländes in Dieburg. Wie es den Anwohnern dabei gehe, sei dem Bürgermeister egal, sind sich die Eheleute einig.

Text: Timo Niemeier und Kevin Schubert
Foto: Timo Niemeier

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