“Man darf nicht sagen: Ich möchte mit Dieburg nichts zu tun haben!“

Ulrike Laux ist seit 2006 Geschäftsführerin des Studentenwerks Darmstadt

Das Studentenwerk Darmstadt ist auch für den Mediencampus in Dieburg zuständig. Im Interview berichtet Geschäftsführerin Ulrike Laux, wie sich der Abriss der Wohntürme in unmittelbarer Nachbarschaft auf das Studentenwerk auswirkt. Sie kennt die Bedürfnisse und Sorgen der Studierenden und erklärt, warum diese ungern nach Dieburg ziehen, wofür die Möbel aus den „Türmen“ eingesetzt werden sollen und wie aus Dieburg eine Hochschulstadt werden könnte.

Eine zentrale Aufgabe des Studentenwerks ist die Vermittlung von Wohnungen an die Studierenden. Wurden Sie in die Planung für das Gelände einbezogen, nachdem die Hochschule Darmstadt den Campus übernommen hat?

Ja, vor fünf bis sechs Jahren wurden wir eingeladen, an den runden Tischen zu dem Thema teilzunehmen. Wir haben auch mit der Firma „Sireo“ verhandelt, ob wir uns an der Umgestaltung des Geländes beteiligen können. Es hat sich jedoch relativ schnell herausgestellt, dass dies nicht möglich ist. Einerseits hat das Studentenwerk die Erfahrung gemacht hat, dass Studierende nicht gerne in Dieburg wohnen möchten. Wir hatten dort Wohnungen angemietet, diese wurden jedoch von den Studierenden nicht gut angenommen. Und andererseits waren die Vorstellung von der „Sireo“, dass wir dort Flächen oder Gebäude ankaufen oder auch anmieten. Die geforderten Beträge hätten jedoch zu so hohen Mieten geführt, dass wir gesagt haben: „Das ist für uns nicht interessant“.

Hat die geringe Nachfrage nach Dieburger Wohnheimplätzen mit der schlechten Anbindung des Öffentlichen Personennahverkehrs an Darmstadt zu tun?

Früher, an der Posthochschule, waren die Dieburger Studierenden eine verschworene Gemeinschaft, die gemeinsam gelebt haben. Das ist heute leider nicht mehr so.
Studien zeigen, dass an großen Universitätsstandorten wie zum Beispiel München oder Berlin eine größere Entfernung der Wohnung zur Universität akzeptiert wird als in kleinen Städten. Je kleiner die Stadt, desto näher müssen Studien- und Wohnort beieinander liegen. Das ist eins der wichtigsten Kriterien, die Studierende bei der Entscheidung für eine Wohnung haben. Darmstadt ist mit 150.000 Einwohnern keine große Stadt, Dieburg ist mit gut 15.000 Einwohnern noch viel kleiner. Hinzu kommt, dass Dieburg keine Hochschultradition hat. Was große Universitätsstandorte wie München oder Heidelberg so attraktiv macht, ist das „Studierendenflair“, das hat Dieburg nicht. In Darmstadt ist das vorhanden, daher wollen die Studierenden lieber in Darmstadt leben. Besonders ausländische Absolventen haben ihre „Peergroups“, wo sie sich zuhause fühlen, und ihre Vereinigungen in Darmstadt. In Dieburg gibt es die nicht. Daher fühlen sie sich hier schnell einsam.

Stimmt es, dass das Studentenwerk Möbel aus den ehemaligen Wohnheimen der Post gekauft hat?

Ja, wir haben einen Teil der Möbel günstig gekauft. Diese Entscheidung haben wir getroffen, da seit längerem im Gespräch ist, in den ehemaligen amerikanischen Kasernen in Darmstadt studentischen Wohnraum einzurichten. Wenn das stattfindet, möchten wir die Gebäude dort mit diesen Möbeln aus Dieburg einrichten. Wir haben für mindestens 150 Zimmer Möbel gekauft, die noch in einem einwandfreien Zustand sind.

In wieweit wird das Studentenwerk jetzt schon von den Bauarbeiten, die am Campus Dieburg stattfinden, beeinflusst? Gibt es Beeinträchtigungen für den Campus oder die Mensa?

In Dieburg sanieren wir ja aktuell die Mensa und haben hier sogar festgestellt, dass dieser Abenteuercharakter, der durch die Bauarbeiten entsteht, Studierende anlockt. Wir verkaufen mehr als vorher. Ich denke, die Mensa wird von dem Abriss auch zukünftig nicht stark beeinträchtigt. Und bis jetzt sind zu mir keine Probleme vorgedrungen. Wir haben unter Anderem Erfahrungen beim Bau der Universitäts- und Landesbibliothek in Darmstadt gesammelt. Auch dort konnten wir keine Beeiträchtigung wahrnehmen und auch bei Sanierungen in den eigenen Gebäuden haben wir in den letzten Jahren sehr wenig Probleme mit dem Betrieb gehabt.

Wird die neue Siedlung „Wohnen im Park“ Ihrer Meinung nach Einschränkungen für den Campus oder den Betrieb der Mensa mit sich bringen?

Das ist ein Risiko, könnte ich mir vorstellen. Familien mit kleinen Kindern haben ein Bedürfnis nach Ruhe. Studentisches Leben ist nicht immer ruhig. Der Karlshof in Darmstadt ist so ein Brennpunkt, wo es oft zu Beschwerden von Anwohnern kommt. Ich könnte mir also vorstellen, dass es da vielleicht auch in Dieburg Schwierigkeiten gibt. Wie ich damit umgehen würde, wäre, von vornherein miteinander zu kommunizieren und zu versuchen, sich kennenzulernen und einander einzuladen, miteinander zu leben. Das dürfte Probleme minimieren, aber ein Risiko bleibt bestehen.
Der Betrieb der Mensa ist zudem eingeschränkt durch ihr Alter. Die Mensa ist akustisch nicht isoliert. Wenn dort Veranstaltungen stattfinden, dringt der Lärm immer auch nach außen. Es gab deswegen in der Vergangenheit bereits Beschwerden von Anwohnern. Wir müssen also einen Weg finden, wie wir dort Veranstaltungen ermöglichen und gleichzeitig das Bedürfnis der Anwohner nach Ruhe achten können.

Ist angedacht, die akustische Dämmung der Mensa in absehbarer Zeit zu verbessern?

Es müsste sehr viel in die Lärm- und Wärmeisolierung investiert werden. Ich weiß, dass das Land Hessen hierzu bereits Planungen anstellt. Das Studentenwerk wurde schon vor einiger Zeit nach den benötigten Kapazitäten für den Campus Dieburg gefragt. Bei einer Anzahl von 2000 Studierenden sind wir damals zu dem Schluss gekommen, dass die Mensa für den Standort etwa dreimal zu groß ist. Das bedeutet natürlich auch hohe Betriebskosten für die Hochschule Darmstadt, die das Studentenwerk hier unterstützt. Wir zahlen nur ein Drittel der Betriebskosten, weil wir theoretisch nur ein Drittel der Mensa bräuchten. Wahrscheinlich fällt die Entscheidung, in eine akustische Isolierung zu investieren, dem Land Hessen und der Hochschule schwer. Immerhin sind die laufenden Kosten schon sehr hoch. Da müsste wahrscheinlich eine Gesamtlösung gefunden werden. Vielleicht wird dann sogar eine neue Mensa gebaut werden. Allerdings weiß ich nicht, ob dafür momentan Geld da ist.

Das heißt, wenn hier etwas verändert wird, dann nicht durch das Studentenwerk?

Das Studentenwerk könnte sich einen Neubau oder eine umfassende Sanierung nicht leisten. Wir kalkulieren unsere Essenspreise schon so, dass der gesamte Verpflegungsbereich eigentlich Minus macht. Die Sozialbeiträge, die die Studierenden mit den Semestergebühren an das Studentenwerk zahlen, fließen zum Beispiel sehr stark in die Verbilligung des Essens. Daher haben wir in diesem Bereich keinen Gewinn, aus dem wir größere Investitionen finanzieren können. In kleinem Maß investieren wir durchaus. Aber immer nur dann, wenn wir dadurch Einsparungen erzielen.

Zum Abschluss noch die Frage: Was wünschen Sie sich für den Campus Dieburg in Zukunft?

Wünschenswert wäre für mich, wenn eine Integration der Hochschule in die Stadt Dieburg stärker in Gang käme. Das bedeutete, dass die Hochschule und die Studierenden den Kontakt zur Stadt und zu den Dieburger Bürgern pflegen sollen und umgekehrt, damit man sich gegenseitig kennen lernen kann. Man muss austesten, welche Möglichkeiten zur Integration und zur Zusammenarbeit es hier gibt. Das wäre ein sehr spannendes Projekt, auch im Hinblick darauf, Dieburg als Wohnort für Studierende attraktiver und interessanter zu machen.
Zu Zeiten der Posthochschule war die Situation in meinen Augen eine andere: Es gab Kontakte zur Bevölkerung. Eine gewisse Konkurrenz gab es aber auch – zum Beispiel, was die Damenwelt betraf. Ich weiß, dass es durchaus heftige Auseinandersetzungen zwischen den Dieburger Jungs und den Studierenden der Hochschule gab. Die Posthochschule hatte, soweit ich weiß, einen etwas exotischen Charakter. Ich glaube, die Dieburger waren auch stolz auf ihre Hochschule, aber mit einer großen Distanz. Und so etwas geht heute nicht mehr. Die Zeiten haben sich geändert. Ich glaube, wenn man Dieburg attraktiv machen will – sowohl für die Bevölkerung als auch für die Studierenden –, wenn man daraus also eine Hochschulstadt machen will, dann muss man zusammenrücken und für mehr Gemeinsamkeit sorgen. Man darf von Seiten der Hochschule und der Studierenden nicht sagen: Ich möchte mit Dieburg nichts zu tun haben. Und man darf von Seiten der Bevölkerung und der Politik nicht sagen: Ich möchte mit der Hochschule nichts zu tun haben.

Das Interview führten Lisa Bredenbals und Hanna Ganpantsur.

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One Response to “Man darf nicht sagen: Ich möchte mit Dieburg nichts zu tun haben!“

  1. Joe sagt:

    Liebes Redakeursteam,
    ich finde Eure Arbeit Spitze. Gerade dieses Interview mit Ulrike Laux zeugt von Kompetenz (auf beiden Seiten).
    Als ehemaliger Student in der Zeit von 1973 bis 1976, der gerne auf dem Campus gelebt hat, verfolge ich Eure Beiträge mit grosser Aufmerksamkeit.
    Es war eine schöne und interessante Zeit die mich stark geformt hat. Und es stimmt wenn Frau Laux sagt das es eine eingeschworene Studentengesellschaft war. Und es stimmt auch das sich die Zeiten geändert haben und das Studentenleben sich verändert hat: wie übrigens auch das Arbeitsleben.

    Daher nochmal meinen Dank an Euch für die Arbeit. Ich hoffe das dieser Blog noch über die nächsten Jahre weitergeführt wird.

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